Donnerstag, 7. Dezember 2017

Konrad - Mein Freund



Ich möchte heute von Konrad erzählen. Konrad ist einer meiner Kehdinger Freunde.
Konrad und ich waren nicht immer Freunde.
Nicht, dass wir uns früher nicht leiden konnten. Nein, so war es nicht!
Wir kannten uns einfach noch nicht.
Kennengelernt haben wir uns erst über Martina, Martina Leithemeyer aus Franken. Sie hat Konrad unten am Elbdeich in Freiburg getroffen, sich in ihn verliebt und heimlich ein paar Fotos von ihm gemacht. Martina hielt sich gerade für eine Woche als Gast des Kunstvereines Kehdingen in Freiburg auf. Ihre Aufgabe war es, sich kreativ mit der Tierwelt Kehdingens auseinanderzusetzen. Auf langen Spaziergängen in die Natur ließ sie sich inspirieren.
Und dabei ist es eben passiert - also das mit Konrad!
Liebe auf den ersten Blick, wenn auch durch einen Zaun und einige 30 Meter voneinander getrennt. Am liebsten hätte sie ihn mitgenommen, was aber in ihrer aktuellen Situation überhaupt nicht ging.
Aber einige gute Fotos hatte sie von Konrad, von dem bis heute nicht sicher ist, wie sein wirklicher Name lautet.
Konrad hat ihn Martina genannt.
Einfach so, weil sie der Meinung war, dass er irgendwie aussehen würde, als hieße er Konrad.
Zurück in ihrem Gastatelier hat sie sich die Fotos von Konrad auf den Bildschirm gezogen. Fasziniert von der Ausstrahlung „ihres“ Konrads, beschloss Martina ihm einen Platz in ihrer Ausstellung zu geben.
Warum auch nicht?
Tierwelt Kehdingens, passt doch!

Was ich bislang noch nicht gesagt habe, Konrad ist ein Schaf. Genaugenommen müsste er ein Schafbock sein, dem Namen nach zumindest.
Aber da traue ich Martina nicht ganz.
Künstlerin eben. Nicht die Fakten zählen, allein die Wirkung.
Und, wenn das Schaf auch weiblich ist, aber bei ihr das Gefühl von Konrad auslöst, dann ist es eben ein Konrad.

Und dann war es so weit. Konrad, leicht verfremdet mit Wachs, Speiseöl und schwarzer Schuhcreme, fand einen schönen Platz in der Nähe des Eingangs. Perfekt ausgeleuchtet blickte er den Ausstellungsbesuchern ins Gesicht. Sehr viele Menschen verharrten vor ihm, häufiger  als vor anderen Bildern.

Heute, nachdem ich Konrad so gut kenne, glaube ich zu wissen, was mich und viele andere Menschen an Konrad fasziniert: Er ist ein Schaf mit menschlichen Gesichtszügen!



 
Belustigt? Arrogant? Kokettierend? Genießend? Überheblich? Besserwissend?
Ich weiß es  nicht genau.
Ich weiß  aber noch genau, wie ich vor ihm stand und überlegte, warum er mir gefällt.
Susanne trat hinter mich.
„Gefällt er dir auch?“
„Ja, irgendwie schon. Aber 120 € für ein schwarzes Schaf?“
Ich schmunzle über meinen ungeplanten Wortwitz.
„Mein Kunstbudget ist eigentlich auch schon ausgeschöpft, gefallen tut er mir aber schon sehr. Ich glaube bei 60 € wäre ich weich geworden.“
Wir stehen vor Konrad und blicken in seine zusammengekniffenen Augen. Es ist nicht raus, ob er uns so überhaupt sehen kann.
Eine Idee breitet sich in Windeseile in meinem Kopf aus.
„Sechzig Euro wäre OK?“
„Ja schon. Sie lässt aber bestimmt nicht mit sich handeln.“
„Nein, das glaube ich auch nicht. Was hältst du davon, wenn wir Konrad zusammen kaufen? Jeder 60 €!“
„Und, wie soll das gehen? Soll ich ihn dann immer in Freiburg besuchen kommen? Oder willst du nach Stade kommen?“
„Nein. Konrad zieht einmal im Jahr um. Ein halbes Jahr ist er in Stade und die zweite Jahreshälfte in Freiburg.“
Susanne lacht.
„Das ist ja dann so etwas wie „Kunst Sharing“, ich glaube so etwas gibt es noch nicht.“
„Ja, Kunst Sharing hört sich gut an. Wir machen Kunst Sharing. Konrad wird sich schon an uns beide gewöhnen.“
Noch lachend besiegelten wir unser gemeinsames „Start Up“ mit Handschlag.

Nun gehört Konrad uns. Inzwischen ist er schon einige Male von Stade nach Freiburg und wieder zurück gewandert. Trotz anfänglicher Befürchtungen meinerseits scheint er gut mit dem Leben in zwei Haushalten zurechtzukommen.
Nun, gerade, wie ich hier schreibe, guckt er mir von der Fensterbank aus zu.
Verschmitzt? Verschlagen? Amüsiert? Schnippisch? Überlegen? Weise?
Vielleicht, Konrad, vielleicht fängst du eines Tages an zu reden. Dann werde ich dich fragen, was du damals gedacht hast, als du mir beim Schreiben deiner Geschichte zugeschaut hast.

Sonntag, 12. November 2017

Oma Tietjes neues Handy



In Dröbermoor leben drei Generationen noch unter einem Dach ohne dass es sich um ein mit EU Geldern gefördertes Wohnprojekt handelt. Einfach so, wie es immer war.
So auch bei den Tietjes. Hermann und Heike Tietje leben mit Sohn Hinrich in der einen Wohnung und Oma Else Tietje hat die kleine Einliegerwohnung nach hinten raus zum Gemüsegarten, den es übrigens ohne sie schon lange nicht mehr geben würde. Hermann und Heike fahren nämlich an fünf Tagen in der Woche nach Stade zur Arbeit. Da bleibt keine Zeit für das Gemüse.  Heike und Hermanns Lebensplan sah auch nach Hinrichs Geburt keine langen Pausen vor. Tilgungsraten für den Hausumbau, die zwei Autos und die Urlaubsreisen sogar bis in die Karibik nehmen keine Rücksicht auf Kinder. So passte es nur zu gut, dass Oma Else mit im Haus lebte.
Neider, ganz besonders die, die keine Omas und Opas in ihre Kinderaufzucht integrieren können, sprechen immer schnell von Seniorenausbeutung.
Ist aber nicht so!
Na ja, nicht immer.
Bei den Tietjes in Dröbermoor zumindest nicht. Hier haben wir eine klassische „Win Win“ Situation. Heike und Hermann können Geld ranschaffen, abends ausgehen oder eine Woche ohne Kind mit dem Kegelverein nach Gran Canaria fliegen. Außerdem konnten sie zwei Jahre KiTa Gebühren sparen und brauchten sich bis heute nie um die Hausaufgaben von Hinrich kümmern.
Oma Else hatte nach dem Tod von Opa Erwin neben dem Gemüsegarten und der Wäsche für die ganze Familie nun auch noch den kleinen Hinrich, ihren „lütt Schietbüdel“ oder „Sünnschien“.
Oma und Hini verbrachten die meisten Stunden des Tages gemeinsam. Oma Else hat der Jung  es auch zu verdanken, dass er zweisprachig aufgewachsen ist. Else hat vom ersten Tag  Platt mit ihm gesprochen. Nur wenn Mama und Papa zu Hause waren, wurde Hochdeutsch gesprochen. Else hat all ihr Wissen und ihre Ansichten bewusst oder unbewusst an den Jungen weitergegeben. So konnte er schon mit acht Jahren Rührteig machen, alleine Eier aus dem Stall holen oder beim Bohnen legen und Erbsenbusch stecken helfen. Das Gemüse in seinem kleinen Kindergarten wuchs nicht schlechter als das von Oma Else. Seinen Opa Erwin kannte er so gut, als wäre er nicht schon vor seiner Geburt gestorben. Wie oft begannen Omas Geschichten mit den Worten „Als Opa Erwin noch lebte,…“.
Hini und seine Oma lachten und weinten zusammen.
Damals, als Grete von nebenan über den Zaun rief: „Else kanns mool in Grooben bi Wienbarch kieken. Dor licht´n  swatte Katt. Süht ut as dien Mohrle.
Süht verdammt no´n Unfall mit´n  Auto ut.“
Oma Else und Hini sind dann gleich hin, mit der Schubkarre. Es war Omas Mohrle, die Mohrle, die immer so wunderbar auf Hinis Schoß schnurrte, wenn er auf Omas Sofa saß und fernsah.  Als Oma ihre Mohrle eindeutig Identifiziert hatte und auf die Karre legte, war es mit Hinis Fassung vorbei. Er begann bitterlich zu weinen.
„Oma, is de Mohrle nu för alle Tieden dood?“
„Jo, mien Jung. De schall nu woll in Kattenheeben ween. Viellicht dröpt se dor jo Opa Erwin.“
„Oober Opa is doch keen Katt, Oma.“
„Nee hest jo recht, oober ick glöv, dat dat ohnhin nur een Heeben gift för de Dierten as wi för de Minschen. Un, wenn dat so is, dann find sick Opa un Mohrle viellicht doch.“
Oma Else wischte sich Tränen aus den Augen.
„Nütz allns nix, Jung. Hört wi op mit dat Geblarr. Wi möt Mohrle ´n  scheunen Platz in  Goorn söken. Een Oort, wo wi er begroben künnt un wo se ewigen Freden fin.“
Sie einigten sich auf ein Grab unter dem alten Quittenbaum.
Mohrles Tod sorgte immer wieder für ernste Gespräche zwischen Oma Else und ihrem Enkel. Gespräche über die Endlichkeit des Lebens und das, was wohl nach dem Tode kommt.
„Oma, ick bin trurich.“
„Worüm, wegen Mohrle?“
„Jo, ook. Oober…“
„Oober wat? Schnack wieter, Jung.“
„Du büst all soo oll, Oma.“
„Joo, dat stimmt. Oober  dat is all lang keen Grund taun trurich ween.“
„Oole Minschen bleevt doot, Oma. Stimmt doch?“
„Joo Hini.“
„Dann mötst du ook starven. Un dat mookt mi trurich, Oma.“
„Ach wat, Hini Jung, nu wees man nich trurich. So fix wull ick eegentlich nich noo Opa hen. Geiht jo ook gor nich.“
„Worüm geiht dat nich?“
„Wieldes dann keen dor is, de di dien Büxen wascht un flickt oder dien Schoolopgooben kontrolleert.“
„Oober irgendwann is dat doch bi di ook mool so wiet? Un dat mookt mi truurich!“
„Joo, so is dat. Irgendwann röpt de leewe Gott uus all tau sick in Heeben. Un, wenn dat dann mool so wiet is, mötst du nich trurich ween. Ick sitt dann dor booben op´n Wolk un kiek rünner op de Eer. Un, wenn ick seh, dat du Unrecht´s doost oder slecht öber dien Oma denkst. Dann spei ick di op´n Döz!“
Sie lachten bei der Vorstellung, dass Oma Else von einer Wolke herab auf ihren Enkel spucken würde.
Ein anderes Mal bemerkte Hini, wie seine Oma beim Lesen der Todesanzeigen mit sich sprach.
„Walli Hinck ook all doot bleeben. Twee Johr jünger  as  ick un secht keen Piep un keen Papp mehr!“
Oder:
„Süh an, Käthe Bloohm is dree Johr öller worn, as  ick nu bün. Dann heb ick jo noch dree Johr. Wat har de veele Kinner un Enkelkinner hat. Un een Traueranzeich vun Gesangvereen Kolbingerhooben un een vun de Schützen. Viellicht schall ick ook noch in Scheetvereen inpedden. Mookt sick doch nich slecht in`e Zeitung.“
„Oma, hest du eegentlich Angst. Ick meen ob du bang büst vun wegen doot bleeben?“
Oma Else nimmt sich ein wenig Zeit bevor sie antwortet.
„Nöö, so richtich bang bün ick nich. Nöö, de Herrgott ward dat all schon ergendwie fügen, Hini.“
„Oober soon lütt büschen bang bist du doch, woll?“
„Nee ick bün nich bang wegen Dood as solken. Ne dat nich.“
„Oma, wat is dat denn?“
„Hini, mien Jung, kannst du swiegen?“
„Na kloor, Oma.“
„Weetst du, Hini, wo ick för bang bün? Nich för´t starven. Nee. Bang bün ick, dat ick viellicht nich richtich doot bün. Dat de Doktor mi doot schriewt. Scheintod secht se dortoo. Dat se mi in Sarch packt un inbuddeltt un ick dann 180 cm ünner de Eer opwaken dee un kum nich rut ut de Kist. Versteihst?“
„Jo Oma. Un so wat givt dat in Leewen?“
„Jo, allns schon passeert.“
Hini macht ein nachdenkliches Gesicht. Plötzlich entspannt es sich.
„Oma, möötst nich länger bang ween. Ick hebb dor soo´n  Idee. Mit Alarmanlooch oder soo. Loot mi mool moken. Ick hebb dor all wat in mien Breegenkassen.“
„Ach Hini, mien Schietbüdel, wonehm hest du bloots all de spinnerten Gedanken?“
Die eben noch verzweifelte Oma lächelt ihren Enkel an.
Ein paar Tage später.
Oma Else und Hini sitzen auf der Küchenbank. Hini rechnet die letzte Aufgabe, als er plötzlich die Arbeit einstellt.
„Oma ick hebb´n  Lösung för dien Problem mit den Sarch. Wi brukt ´n  Barch Göld un Tied. Joo Tied brukt wie, jede Menge Tied.“
„Na, denn loot de Katt man ut´n Sack.“
„Oma, du mötst nu´n beeten Geduld hem, dröffs mi nich jümmer ünnerbreeken. Geiht dat klor?“
„Jo, man tau!“
„Also de Idee keem mi hüüt in´e Geschichtstünn. Herr Peters hett uus vertellt vun´t Grav vun Tut Anch Amun mit all de kostboren Grav Biloogen.“
„Un wat hebb ick mit denn ollen Ägypter tau doon?“
„Ooooma, wat hebb ick di secht? Eenfach mool stillswiegen.“
„Jo, ick will mi bemöhn.“
„Oma du kriss  ok´n Gravbiloog. Nich vun Guld un so. Is man bloots een Samsung. Soon Handy as wi dat, dat mine Öllern mi tau Wiehnachten schenkt hebt. Givt dat för 82 Euro in Internet. Oohnst wat, Oma? Begriepst du, wat ick denk?“
„Wat het dat Handy mit Tut Anch Amun tau doon?“
„Oh Oma, manchmool büs du ganz scheun swoor vun Kapee! Wenn du in dien Grav opwooken deist, langst du na dat Handy un röpst mi an oder denn Notruf. Ne, beeter mi. De glövt di bestimmt nich in de Leitstell in Stood, wenn du jem vertellst, dat du den Notruf ut´n Grav op´n Karkhoff vun Kolbingerhooben afsett hest. Nee, Oma, du röpst mi an. Kapiert?“
„Jo ick kapier wohl oober ick kann keen Handy. Bün man froh, dat ick dat mit dat swatte Telefon mit de Dreihschiew bi mi in de Stuv kinkreegen hebb.“
„Keen Probleem. Vun morn an trainiert wie en Stünn an Dach Handy. Ick bün dien Trainer. Hüt künnt wie noch dat Galaxy vun Samsung bestillen in Internet. Ick mook dat allns, brukst an Enn nur dien Kopp hinhoolen.“
„Op dat nu richtich is weet ick nich. Hebb sülbst oober ook keen beetere Idee.“

Zwei Tage später brachte Hein Tessloff das Päckchen mit Omas neuem Handy. Sie konnte sich noch gerade beherrschen bis Hini aus der Schule kam. Dann öffneten sie das Päckchen. Nix hatte sich am Samsung seit Weihnachten verändert.
„Oma, ick richt di dat nu eersmool in un dann fangt wi an mit Training.“
Oma nickte und ergab sich in alles, was ihr 11jähriger Enkel von ihr verlangte.
Das war nicht ihre Welt.
Noch nicht!
Schon nach der ersten Trainingseinheit traute Oma Else sich, ihren „Schietbüdel“ anzurufen statt ihn durch das offene Küchenfenster zum Abendbrot zu rufen. Schnell lernte sie die Vorzüge des Telefonbuches kennen. Hini hatte dort alle ihre wichtigen Nummern eingegeben. Viele waren das nicht. Zu den meisten Menschen, mit denen sie sich etwas zu sagen hatte, konnte sie ja mal eben hingehen. Schwieriger wurde es, als das Kapitel SMS und Sprachnachrichten dran war. Dank Hinis unerbittlichen Bemühungen nahm sie aber auch diese Hürde. Irgendwann, bald schon, wechselten fast täglich Kurznachrichten zwischen ihr in Dröbermoor und ihrer 14jährigen Enkelin Nadine in Hamburg Lokstedt.
„Kiek mool Hini, Nadine het mi eben´n SMS schickt mit Bild. Kann ick datt ok?“
„Jo Oma, dat künnt wie hüüt mool öben. Un dann kann ick di noch Wottsepp rünnerlooden. Denn kans nämlich Biller un Norichten verschicken ohne tau betoolen.“
„Wat allns gift, Hini!“
Jeden Tag lernte Oma Else wieder etwas Neues. In Verbindung mit Fotos verschicken hatte Hini ihr den Umgang mit der Handykamera beigebracht. Schnell füllte sich ihre Handygalerie mit unzähligen Hühnerfotos und Stilleben von frischgeernteten Salatköpfen und Mohrrüben. Als sie Grete Schlobohm am Bäckerwagen ihren ersten Dokumentarfilm von neun Legehennen und einem Hahn im Auslauf zeigte, verstummte die erst einmal fassungslos.
„Nee Else, wat du allns kanns?!“
„Jo“, antwortet Else mit Stolz, „un wenn du di ook soon Handy köffst, schick ick di mool ´n Wottsepp mit Text un Bild.“
„Dor kummt woll nix na, dat lern ick nie nich mehr.“
„Wes man nich so bang, ick bün dree Johr öller as du un har dat ook noch leert.“
Aus dem Brotbeutel erklingt die „Blaue Elise“.
„Oh, mien Handy bimmelt. Is Hini. He hett´n SMS schickt un froogt, wann ick mit de Rundstück komen dee. De Schoolbus föhrt in fiefuntwintich Minuten. Nu ward oober Tiet. Tchüß ook Grete.“
Grete bleibt noch einige Sekunden wie versteinert stehen, bevor sie sich auf den Weg ins Haus macht.
„Mööt dat denn allns ween hüüt tau Doochs“, denkt sie, während sie mit ihrer alten Einkaufstasche über den Patt zu ihrer Haustür watschelt.

Ein paar Tage später sitzen Oma Else und Hini am Mittagstisch.
„Du Oma.“
„Jo min Jung.“
„Mi döcht, dat du nu woll fit büst mit din Handy. Wart tiet, dat wi nu´n Ploon förn Ernstfall mookt.“
„Wat meenst mit Ernstfall?“
„Oooma, worüm hebt wi dat allns mookt mit dat Handy? All vergeeten? Scheintod un so!“
„Ach jo, har ick schon gor nich mehr an denkt. Jo, un wat förn Ploon? Also woför bruuk wi dat noch?“
„Oma Gravbiloogen kennt wi hier nich. Ick har noch keen Dunst nich, as wie ick dat Handy in Sarch kreegen schall. Oober dor fallt mi noch wat in. Wi mookt eerst mool ´n Öbung. Lech di mool op dat Sofa mit dien Krüz op dat Polster jüst so as in Sarch un diene Hann de packst du öber Krüz op diene Boss.“
Ganz geheuer  war Oma Else diese Ernstfallübung nicht, aber sie tat, was ihr Enkel verlangte. Als alles zur Zufriedenheit von Hini arrangiert war, holte er Omas Pillentasche und schüttete den Inhalt auf den Stubentisch.
„Jung, hör op, wat schall dat?“
„Ick bruk´n Platz för dat Handy, een Platz denn du ook in Dustern weller erkennen kannst. Un ick harr dor son Idee.“
Er zwängte das Handy in die Tasche, einen zweiten Akku und die Pillen noch dazu. Der Reißverschluss ließ sich man so gerade eben noch schließen.
„So Oma, nu fangt Deel twee vun uuse Öbung an. De Tasch mit dat Handy liggt an diene rechte Siet. Loot diene rechte Han foolen un du hest de Tasch.
Probeer mool.
Un nu kanns de Tasch mit´n beeten Hölp vun de linke Han open mooken. Jo so is goot!“
Oma macht alles, wie Hini angeordnet hat.
„Oh nee, harr ick mi doch furts dacht. Taueerst rüscht mi all mine Pillen wech!“
„Nich so slimm, de bruukst du in denn Momang nich. Du wull doch rut ut de Kist, oder?“
„Jo, wenn du dat so seggst. Un dat hier, wat is dat?“
„Reserveakku Oma, dat öövt wi noch. Nu nimm mool dat Handy un röp mi an.“
„Wieso, du büst doch hier. Wie künnt doch schnacken.“
Hini verdreht die Augen.
„Oma, du liggst in Saarch, hest du dat forgeeten?“
„Ach jo, un nu schall ick di anropen? Mööt dat ween?“
„Jo Oma, wi öövt dat allns so as in Ernstfall. So ist dat nu mool bi een echte Ööbung.“
Hinis Handy klingelt.
„Hini Tietje hier un keen is door?“
„Nu bölk doch nich so. Hier is dien Oma in Saarch op´n Karkhoff. Goot so?“
„Jo ganz goot. För´n Anfang tauminst. Hest du Licht in dien Saarch, Oma?“
„Nee, wo givt denn so wat?“
„Sühst du! Nu ward in Dustern traineert. Ick bind di de Oogen dicht. So, kann doch dine ollen wullen Strümp mit de Lökers vun Neihdisch nehmen?“
Und schon liegt Oma mit verbundenen Augen und gefalteten Händen auf dem Sofa, das Handy griffbereit neben sich in der kleinen bestickten Pillentasche. Zwei Mal hat es jetzt schon ganz gut geklappt. Das letzte Mal hat Hini nicht mehr abgenommen. Das fand Oma Else nicht gut, weil sie inzwischen gelernt hat, dass bei einer Ernstfallübung alles ganz echt sein muss.
Und dann passiert, womit keiner gerechnet hat. Grete Schlobohm will Else besuchen. Und wie sie es immer macht, wenn sie rüberkommt, legt sie beide Hände an den Kopf, drückt ihr Gesicht gegen die Stubenscheibe, um zu gucken, ob Else wohl irgendetwas Neues in der Stube hat.
Was sie heute sieht, schlägt ein wie ein Blitz. Da liegt ihre Nachbarin aufgebahrt auf dem Sofa mit gefalteten Händen und verbundenen Augen. Der Jung sitzt neben seiner Oma und guckt auf sein Handy, als wüsste er nicht, was zu tun sei. Schnell humpelt sie zur Tür, zwei Schritte weiter und sie steht in der Stubentür.
„Hini mien Jung, wat is? Is dien Oma doot bleeben?“
„Nee Tante Grete, noch nich richtich. Oober lang wart nich mehr duern…“
Die Erklärung hörte Grete nicht mehr. Sie war schon auf dem Weg zur Tankstelle schräg gegenüber, um zu erzählen, dass Else im Sterben liegt und ihr Enkel mit dem Handy neben ihr sitzt, um seine Eltern zu benachrichtigen.
„Wi mööt uuse Noobers hölpen“, sagt Seniorchef und eilt rüber zu Else Tietjes Haus. In seinem Gefolge der Lehrling, eine Kundin aus der weiteren Nachbarschaft und, mit etwas Abstand, Grete Schlobohm. Gerade, als sie im Flur standen hörten sie Elses kräftige Stimme aus der Wohnstube:
„Hier is dien Oma ut´n Saarch op´n  Karkhoff. Hol mi hier furts rut. Dat is hier duster und kolt is dat ok.“
„Jo Oma, biet de Tähn tohoop, schluck een vun diene Kreislaufpillen un kiek so lang de Billers op dien Handy an. Ick kümmer mi üm allns. Ciao Oma!“
Leise schleichen sich die Nachbarn wieder aus dem Haus. Willem Steenbarg von der Tankstelle spricht aus, was alle denken:
„Nu is so wiet. Keen har dat denkt, dat dat so fix geiht. Güstern weer se noch ganz kloor in Kopp. Wi mööt mit Heike un Hermann schnacken. Wenn Else so mall in Kopp is, kanns se doch nich denn ganzen Dach mit denn Jung alleen in´t Huus looten.“

Sonntag nach dem Mittagessen fragt Heike Tietje Hini und ihre Schwiegermutter, ob ihnen etwas an Willem Steenbarg aufgefallen wäre.
„Nö“, kam es wie aus einem Munde.
„Der hat mir gestern so wirres Zeug erzählt. Oma hat aus dem Sarg vom Friedhof angerufen und ich sollte mich mal um sie kümmern. Hermann, wir sollten vielleicht mal mit Gerda und Heinz reden. Willem wird langsam etwas wunderlich. Sie sollten ihm besser die Tankstelle nicht allein anvertrauen, wenn sonst keiner aus der Familie da ist.“
„Ja, Donnerstag fahren wir ja zusammen zum Kegeln. Da sprechen wir das mal vorsichtig an.“

Kaum, dass Oma und Hini allein waren, rätselten sie, wie Willem Steenbarg an Informationen über ihren Geheimplan gekommen sein mag.
„Dor mööt wolle een luschert hebbn. Anners kann ick mi dat nich verkloorn“, spricht Oma vor sich hin. „Grete viellicht?“
„Is hüüt noch mool Training, Hini?“
„Jo Oma. Noch´n ganz wichtige Ööbung. Akkuwesseln in Dustern!“
„Akkuwesseln?“
„Jo, Akkuwesseln un Pin code butenkopps leern. Ganz wichtig!“
„Worüm?“
„Dat kann ween, dat du eerst twee oder dree Dooch na de Beerdigung opwooken deist. Un nu stell di vör, du wullst mi anropen un dann, jüst dann, mookt dien Akku schlapp!? Un na´n Akkuwessel brukst du din Pin Code. So is dat nu mool.“
Auch diese Übung saß nach einigen Tagen perfekt. Hinis Kommandos hörten sich an, als würde auf dem Kasernenhof Rekruten drillen.
„Licht ut! Handy ut de Tasch! Deckel rünner! Akku rut! Neegen Akku rin! Pin ingeben! Hinis Nummer anropen!“
Oma war fit im Handy. Besser als manch einer von Hinis Klassenkameraden.
Oma Else hatte keine Angst mehr vor dem Sterben. Der Ernstfall konnte kommen.

Hini hatte schon seinen 12. Geburtstag gefeiert. Oma Tietje beherrschte ihr Handy meisterhaft. Ernstfallübungen führten Oma und Enkel nur noch in unregelmäßigen Abständen durch. Inzwischen vergisst Oma auch nicht mehr ihr Calzium Präparat zu schlucken. Immer am Donnerstagnachmittag pünktlich um 15.30 Uhr klingelt der Handywecker mit der „Blauen Elise“. Hat Hini ihr eingestellt, weil sie die Melodie so gern hat. Also, wenn die „Blaue Elise“ Donnerstagnachmittag ertönt, geht Oma Tietje zum Küchenschapp, murmelt etwas wie: „Is all weller so wiet? De Tiet de rast as ´n D-zug.“
Ja, seit Oma Else den Handywecker entdeckt hatte, vergaß sie die Pillen nicht mehr.

Und dann? Dann ist es passiert mitten in einer Sendung über den neuen Präsidenten von Amerika. Oma Else mochte ihn partout nicht. Immer wenn er in den Nachrichten zu sehen war, regte sie sich fürchterlich auf.
„Nee, so een Keerl ohne Manieren, und denn noch de Frisuuuer. Süht doch ut as har he een Toupet ut dat Fell vun Eekkoter. Het jo nur Flusen in un op´n Kopp. Grapscht de Fruunslüe an´e Boss un an Moors. Nee, Präsident hin, Präsident her, dat Swienigel kümmt mi nich in´t Huus.
Wi sünd froh, dat de Muer in Berlin wech is un hei wull nu een poor dusend Kilometer lange Muer eenmool quer dör´n Kontinent buun. Givt denn so wat! Hini mark di de Visasch. Wenn de bi uus an de Huusdöör bimmelt, sechst du `Mien Oma is nich tau Huus un sleis de Döör dicht!“

Als Hini in die Stube kam, glaubte er, dass Oma vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen sei. Donald Trump warf gerade verzweifelten Puertoricanern, die von ihrem Präsidenten nach dem schweren Hurrican Wasser, Nahrung und Geld erhofft hatten, Päckchen mit Haushaltspapier Rollen zu.
Ob es das nun war, was Oma den Tod gebracht hatte, lässt sich nicht eindeutig sagen. Als der Doktor kam, um den Tod festzustellen, saß die Oma immer noch auf dem Sofa mit der rechten Hand auf der linken Brust.
„Herzversagen“, sagte der Doktor aus Friedeberg und stellte den Schein aus.

Noch vor Mitternacht kam der alte Grabowsky mit dem nur wenige Jahre jüngeren Altgesellen Henry Schmidt von der Tischlerei Grabowsky und Sohn. Tischlerei und Beerdigungsunternehmen liegen hier noch häufig in einer Hand, obwohl die Särge inzwischen fast alle aus polnischen Fabriken kommen. Grabowsky sagt immer: „För dat Göld kann ick keen Geselln an´e Maschin stelln.“
Hini verfolgte aufmerksam die Vorbereitungen und den Abtransport der Oma. Grabowsky ging noch einmal mit seinem traurigsten Gesicht von einem zum anderen und wünschte herzliches Beileid. Schmidt saß schon im Leichenwagen, der so alt war, dass er auch mit dem steuerbegünstigten Oldtimerkennzeichen hätte fahren dürfen.
Zum Schluss drückte Grabowsky Hini die Hand.
„Doot mi Leed mien Jung. Bileed!“
Hini folgte ihm zum Auto.
„Herr Grabowsky.“
„Jo.“
„Künnt Se dat Päckchen in Sarch vun miene Oma packen?“
Der beugt sich zu dem Jungen runter und flüstert fast.
„Nee mien Jung, geiht nich. Is in Dütschland nich erlaubt. Dat dröff ick nich.“
„Doch, dat mööt Se mooken. Eenmool ´n  Uutnoohm. Ick har dat mien Oma versproken, dat ick ehr  ehre Pillen mit op de Reis geev. Dat wür se beruhigen för de eersten Dooch. Looter kricht se woll wat in Heeben. Ick geev mien Ehrenwör un se weer beruhigt. Wenn ick nich dorvör sorgen dee, dat se eehre Pilln ha, kann ick mien ganzet Leeven nich mehr glücklich ween.“
„Na denn, giv man her. Oober keen Wör tau nüms nich! Is dat kloor?“
„Klor!“
Ohne dass jemand aus der Familie es gewahr wurde, wechselte Oma Elses Pillentasche in die Hand von Hannes Grabowsky.

Die nächsten Tage musste im Hause Tietje viel organisiert werden. Herman Tietje fragte immer mal wieder, ob irgendjemand Omas Handy gesehen hätte.
„Ruf sie doch mal an“, meinte Heike.
Als sie Hermanns vorwurfsvollen Blick sah, wusste sie schon, was sie da soeben gesagt hatte.
„Na ja, ich meine natürlich ihr Handy.“
Hermann ruft Omas Nummer auf seinem Handy auf, Heike geht lauschend durch Omas Wohnung.
„Gibt es denn ein Zeichen?“
„Ja, ihre Mailbox geht an.“
Hermann wiederholt Elses Worte.
„Moin, moin. Ick bün jüst nich bi mien Handy viellicht bün ick in Goorn, bien Bäckerwoogen oder de Heuhner füttern. Oder ick bün viellicht noch ganz wo anners. Wull du mie wat vertelln, kanns dat no denn Piep mooken oder du kummst eben mool rööber.“
Piep!
„Modder, ick wull nur mool eben weeten, wo du dien Handy hest.“
Hini und Heike konnten sich kaum einkriegen vor Lachen. Hermann brauchte ein wenig bis er begriff hatte, dass er von seiner Mutter keine Antwort bekommen würde.

Donnerstag wurde Else Tietje zu Grabe getragen. Fast ganz Dröbermoor folgte dem Sarg von der Kirche zum Friedhof. Einige ältere Herren trugen einen Zylinder wie es ganz früher noch üblich war. Die Kirchturmuhr schlug einmal, es war halb vier.
Um 16 Uhr saßen die Sargträger bei Harry am Tresen und tranken ihr Freibier, das sie sich nach jeder Beerdigung mit Firma Grabowsky und Sohn hier abholen durften. Otto Zimbalsky, der noch einigermaßen gut hören konnte, fragte in die Runde:
„Hebt ji  de „Blaue Elise“ hört, as de Karkenklock halvich veer bimmelt het?“
Nein. Von den alten Männern hatte es niemand gehört und überhaupt was ist das für eine komische Frage?
„Prost!“
Aber jemand anders hatte die „Blaue Elise“ gehört.
„Danke Herr Grabowsky“, flüsterte Hini als der Bestatter ihm am offenen Grab seiner Oma ein erneutes Mal sein Beileid aussprach. Grabowskky zwinkerte ganz kurz mit einem Auge und antwortete mit einem kurzen Händedruck.






Sonntag, 22. Oktober 2017

Magst du schwabbelige Eier



Manfred, mein Schwager, ist zu Jodi, einer New Yorkerin, gezogen.  Beide reisen für  ihr Leben gerne. Gerade haben sie beschlossen, dass sie ihr Hobby zum Beruf machen wollten und haben kurzerhand ein Reise Start Up  gegründet. Sie planten junge Deutsche mit Kleinbussen und Campingausrüstung quer durch die USA von der Ost- bis zur Westküste bringen ohne auch nur einen einzigen der großen Nationalparks auszulassen.
Vernetzung ist alles. Irgendwo in NY durften sie bei Freunden von Verwandten eine kleine Ecke eines Büros benutzen. Es wurde nicht mehr als ein Schreibtisch mit zwei Stühlen und einem Telefon benötigt. Wohnen konnten sie vorerst mietfrei in einem Nobelappartement in Manhattan. Verwandte hatten die Wohnung geerbt und freuten sich, dass sie mit Jodi und Manfred Bewohner gefunden hatten, die potentiellen Einbrechern signalisierten, dass die Wohnung belebt sei.
Was für ein Glück in dieser Stadt, wo die Mieten längst schon jedes gesunde Maß überschritten hatten.  Leider war es eine etwas unsichere Angelegenheit. Das Ende ihres Glückes  würde irgendwann mit dem Glück ihrer Verwandten zusammenfallen, wenn die nämlich die Wohnung zu dem gewünschten Preis an den Mann oder die Frau gebracht hätten.
Glück  für   Ulla und mich. Wir wurden nach NY eingeladen und konnten mitten in Manhattan wohnen. So wurde unsere erste USA Reise für uns überhaupt erst erschwinglich. Mehrere Tage erschlossen wir uns diese neue, aufregende Welt, hin und wieder auch gemeinsam mit Jodi und Manni. Einen Tag waren wir im Central Park auf einer Liegewiese zum Picknick verabredet. Dank guter Beschreibung fanden wir uns schnell. Die Decke mit den Picknick Utensilien war schon ausgebreitet.
„Wir müssen noch etwas warten, Amos ist noch nicht da.“
Amos ist ein Freund unserer Gastgeber, der auch gelegentlich in der Firma aushalf.
Und dann kam Amos. Ein freundlicher Junge, der sich gleich völlig unkompliziert auf der Decke niederließ.
„Gutten Tak, I´m Amos.“
Amos war auf die Begegnung mit uns Deutschen vorbereitet. Er zeigt auf das  Essen.
„Picnic,  you understand?“
„Ja, wir sagen auch Picknick. Do you speak German?“
„Yes …ja!“
„Wo lebst du? Auch hier in New York?“
„Magst du schwabbelige Eier?“
„Wie bitte?“
„Magst du schwabbelige Eier?“
„Meinst du, ob ich schwabbelige Eier mag?“
Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich richtig verstanden hätte.
„Magst du schwabbelige Eier?“
„Nein, das ist eher nicht so mein Ding.“
Amos unterhält sich mit Jodi und Manni. Plötzlich kreuzen sich unsere Blicke. Er lächelt freundlich und fragt:
„Magst du schwabbelige Eier?“
Ich habe wohl etwas irritiert geguckt. Jodi und Manni lachten, was mich nur noch mehr verunsicherte.
Als Amos dann in diesen Moment noch einmal in bestem Deutsch fragte:
„Magst du schwabbelige Eier?“ löste Manni das Rätsel um die schwabbeligen Eier auf.
Amos war vor einigen Jahren als Student durch Europa gereist – auch durch Deutschland. Im engen Abteil einer fränkischen Regionalbahn guckte er einer alten Frau zu, wie sie sich ihren Reiseproviant zubereitete. Als sie sich gerade ein gekochtes Ei auspellte, bemerkte sie, dass Amos ihr zusah.
Er lächelte, was sie als Aufforderung zum Dialog auffasste.
„Magst du schwabbelige Eier?“
Amos versuchte ihr auf Englisch klarzumachen, dass er sie nicht verstehe.
Das wiederum verstand die Frau nicht. Sie wollte dem fremden Jungen, der nicht einmal eine verständliche Sprache sprach, etwas Gutes tun und reichte ihm das frischgepellte Ei entgegen.
Etwas lauter als zuvor, der Junge versteht sie ja sonst nicht, fragte sie ihn:
„Magst du schwabbelige Eier?“
Amos guckte auf die runzeligen grauen Hände der Frau, vielleicht eine Kleinbäuerin, zumindest eine Gärtnerin, und hatte nicht so großen Appetit auf das großzügige Angebot seiner Reisebegleiterin. Die wiederum wiederholte ihr Angebot noch einmal etwas lauter und eindringlicher.
„Magst … du …  schwabbelige …  Eier?“
Amos ist nicht sprachunbegabt und es reizte ihn, die immer wiederholten Worte nachzusprechen. Etwas unbeholfen wiederholte er die Worte der Frau.
„Magst … du …..  schwabbel--ige …  Ei--er?“
„Nein, ich nicht aber du? Magst … du …  schwabbelige …  Eier?“
Amos nimmt endlich das ihm entgegengestreckte Ei und macht noch einen Versuch in die fremde Sprache einzusteigen.
„Magst … du …..  schwabbel--ige …  Ei--er?“
„Nein, mein Junge. Magst du ein bisschen Salz?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ sie einige Salzkörner auf das gepellte Ei rieseln.
„Thank you.“ Und dann schnell noch hinterher, gerad so, als wollte er seiner Lehrmeisterin beweisen, was für ein guter Schüler er sei, wiederholte er noch mit hartgekochtem Ei im Mund:
„Magst du schwabbelige Eier?“
Die Frau lachte. Sie mag wohl gedacht haben, was diese Ausländer doch blöd sind. Andernfalls  müssten sie ja wohl etwas besser Deutsch können. Dann packte sie ihre Sachen zusammen, schob die Abteiltür auf, drehte sich noch einmal zu dem netten aber dummen Jungen um und nickte ihm mit einem freundlichen Abschiedslächeln zu.
Und der dumme Junge aus Amerika, der trotz acht Semester Betriebswirtschaft und Politik kein Deutsch konnte, verabschiedete sich mit einem „ Bye“.
Und, als wolle er seine Abschlussprüfung in Deutsch ablegen, haute er noch einmal  sein nahezu gesamtes Repertoire der Sprache des Landes, das er gerade bereiste, raus:
„Magst du schwabbelige Eier?“

Das erzählte uns Manni auf Deutsch. Amos verfolgte das Geschehen mit wachem Blick. Er verstand natürlich ohne Probleme, worum es ging. Nachdem unsere Heiterkeit sich gelegt hatte, wandten wir uns endlich dem Picknick zu.

Ach so, schwabbelige Eier waren nicht dabei.