Dienstag, 21. Februar 2017

Warum bin ich eigentlich kein Reiter geworden?



Ja, warum eigentlich nicht? Ich bin auf einem Hof mit zeitweilig sechs Pferden aufgewachsen. Ich mochte diese gutmütigen, riesigen Tiere und es störte mich nicht, wenn sie ihre Köpfe  mit manchmal leicht verschnotterten Nasen  bis fast in mein Gesicht  herabneigten. So weit, dass ich den warmen, leicht nach Futter riechenden Atem auf meiner Haut spürte. Ich mochte den Geruch vom Schweiß im Ledergeschirr und ich wäre niemals auf die Idee gekommen, die Ausdünstungen aus dem Mist  in den Pferdeboxen als Gestank zu bezeichnen. Heute noch empfinde ich heimliche Entrüstung, wenn ich jemanden sehe, der bei Pferdegeruch  mit einer Miene leichten Ekels die Nase rümpft. 
Hühner, Rindviecher und Schweine können grässlich stinken.
Nicht aber Pferde! Nein, das ist kein Gestank. Nein, wirklich nicht. Eher ein ganz speziell kreierter Duft.
Das können aber wohl nur wirkliche Pferdefreunde verstehen.






Gelegentlich durfte ich kurz vor der Mittagspause eines  unserer Pferde zum Brunnen an die Tränke führen. So, wie ich mich damals fühlte, fühlt sich heute wohl ein Kind, das erstmalig alleine auf dem Aufsitzmäher fahren darf. Vom jährlichen Ringreiten wusste ich, dass Pferde nicht nur zum Arbeiten da waren. Dann nämlich, und nur dann,  kamen die Zug- und Ackerpferde unter den Sattel -  wenn es denn einen gab. Dann  mussten sie Bauern und Knechte aufsitzen lassen. Ringreiten war eines der wenigen dörflichen Großereignisse, dem man sich nur durch Krankheit oder Altersgebrechen entziehen durfte. Für uns Kinder war am spannendsten zu sehen, wie die ungeübten Reiter es mehr oder weniger gut schafften, sich auf dem Pferderücken zu halten. Schadenfrohes Gejohle brach aus , wenn ein Reiter ins Gras vor dem Gasthof zur Linde fiel.
Es gab eigentlich nur eine Person im ganzen Dorf, die wirklich reiten konnte. Unsere Nachbarin, eine hochgewachsene stolze Frau, musste jahrelang warten, bis sie zum Ringreiten zugelassen wurde. Die Teilnahme war für Frauen nicht explizit verboten aber es stand auch nirgendwo ausdrücklich, dass es erlaubt sei. 
Als Lisa dann zum ersten Mal mitreiten durfte, lieferte sie auch gleich eine Erklärung für die langjährige, hartnäckige Weigerung der männlichen Dorfbevölkerung bis eben hin zu diesem Ringreiten. Sie sammelte mit Abstand die meisten Ringe und auf der Ehrentafel stand: „Der König 1956: Lisa Hollstein“.  Ja, König stand auf der Ehrentafel. Eine Königin war nicht vorgesehen und so kam es, dass Schleswig Holstein den ersten weiblichen König seiner jahrhundertealten Geschichte hatte.
Zu der Zeit schlüpften wir Kinder beim Fußballspielen in die Rollen von unseren Weltmeistern Heckenrath und Rahn.
Bei allen Pferdespielen wollte ein jeder Fritz Tiedemann oder Hans Günther Winkler sein. Lieber noch Thiedemann mit Meteor. Als Holsteiner aus dem nahegelegenen Elmshorn stand er uns einfach näher als Winkler aus dem fernen Warendorf, obwohl der Name seiner Stute Halla irgendwie leichter über die Zunge rutschte als Meteor.


                                          
       
Else mit ihrem letzten Fohlen
Irgendwann im Frühsommer 1956, ich war gerade sechs Jahre alt, erreichte ich den Höhepunkt meiner reiterlichen Karriere. Meine ein Jahr jüngere Schwester und ich stromerten über den Hof und durch die Stallungen. Im Kälberlaufstall war Leben, obwohl die Kälber eigentlich draußen auf der hofnahen Kälberweide waren. Im Stall fanden wir Else vor, die Holsteiner Stute, die nach Einzug des 27 PS Ritscher Treckers auf unserem Hof das einzig verbliebene Pferd war. Neugierig kam sie zu uns Kindern.
Lass uns Olympia spielen.
Und wie geht das?
Wir sind Deutschlands beste Reiter. Ich bin Fritz Thiedemann.
Und ich?,  fragte meine Schwester.
Du bist Hans Günther Winkler.
Das ist doch ein Mann.
Macht nix, ist doch nur ein Spiel.
Und welche Pferde?
Das war eine gute Frage. Im Stall war nur dieses eine Pferd.
Wir können auf den Stallbesen reiten!
Spinnst du? Thiedemann und Winkler auf einem Stallbesen? Und das bei Olympia? Das geht gar nicht. Wir nehmen Else. 


   
                          Fritz  Thiedemann                                                      Hans Günther Winkler

                                        (Jörg Petersen)                                                                  (Franziska Petersen)


Und wie kommen wir auf sie rauf?
Das war nun ein echtes Problem, das hier und jetzt von Deutschlands Reiterelite gelöst werden musste. Es gab nur eine Möglichkeit. Else musste parallel  zum Fachwerk mit den Kuhketten gelotst werden. Dorthin, wo früher noch Rinder angebunden waren. Wir kletterten also oben auf den waagerechten Balken  und hatten eine Höhe, von der aus ein Überstieg auf den Pferderücken machbar schien. Else spielte mit. Kaum, dass sie richtig stand gab ich Kommando.
Jetzt, Winkler, los rüber!
Durch Elses dicken Bauch war der Rücken ganz schön weit weg vom Balken und beinahe wäre Winkler wieder  vom Pferderücken abgerutscht, verschwunden zwischen Pferdebauch und Gebälk wie ein Alpinist in einer Gletscherspalte.
Die Mähne, Winkler, du musst an der Mähne ziehen!
Das hat dann auch geklappt.
Else hatte allerdings den Ruck an ihrer Mähne fehlgedeutet und startete ins alles entscheidende Turnier, bevor Thiedemann auch nur eine leise Chance hatte, auf ihren Rücken zu kommen. So hatte sich meine Schwester das Spiel nicht gedacht. Als Else dann vom Schritt in leichten Trab verfiel, war es um Hans Günther Winklers Fassung endgültig geschehen. Sie schrie, dass sie runter wolle und keine Lust mehr hatte zu diesem Spiel. Fritz Thiedemann arbeitet fieberhaft an einem Rettungsplan für seinen Sportskameraden. Mit einer Hand Hafer aus der Futterkiste gelang es ihm, Else zurück an den Balken zu holen. Bevor sie sich wieder weiter bewegte schwang Fritz Thiedemann sich mit so viel Schwung vom Balken auf den Pferderücken, dass er um Haaresbreite auf der anderen Seite der Stute im Mist gelandet wäre.
Aber eben nur um Haaresbreite.
Winkler hatte, eng umschlungen von seinem Mannschaftskameraden Thiedemann wieder zu der von ihm bekannten Ruhe zurückgefunden. Für Thiedemann stand einem erfolgreichen Olympiaritt jedenfalls nichts mehr im Wege.
Und nun? Fragt Winkler.
Nun geht es los.
Aus Mangel an weiteren Darstellern schlüpfte Thiedemann in seine zweite Rolle als Radioreporter.
Begrüßen Sie bitte Fritz Thiedemann und Hans Günther Winkler auf Meteor.
Wieso nicht auf Halla?
Weil die beiden nur ein Pferd haben.
Ja und, dann heißt es Halla.
Wenn wir uns jetzt nicht konzentrieren, wird nichts aus der Goldmedaille.
Obwohl Winkler das verstand, gefiel ihm nicht auf Meteor zu starten. Winkler wurde ebenfalls zum Sportredakteur.
Meine Damen und Herren, was ist denn das? Hans Günther Winkler und Fritz Thiedemann reiten erstmalig nicht auf Meteor und Halla. Ein völlig neues Pferd, das die beiden da vorführen. Soeben bekomme ich eine Nachricht. Die Stute heißt Else und kommt aus Groß Kramerfeld bei Neumünster und Segeberg.
Else lässt sich nicht anmerken, dass einige tausend Menschen ihrem Ritt zuschauen. Fehlerfrei überwindet sie im Schritt die ersten Hindernisse.
Und, wie wird dieses Pferd den Wassergraben meistern?, kam vom ersten Radioreporter.
Als Fritz Thiedemann und zunehmend auch als Jörg Petersen vom Hermannshof machte er sich Gedanken darüber, wie sich der echte Thiedemann und der echte Winkler auf diesem breiten Pferderücken mit waagerecht abstehenden Beinen überhaupt halten können.
Zeitgleich spürte Else, dass bei diesem Ritt alles auf dem Spiel stand. Gold für Deutschland. Sie legte noch einmal Tempo zu und verfiel in leichten Trab.
Die Kinderkörper hüpften bei jedem Schritt des Pferdes. Fritz Thiedemann wollte noch einmal die bevorstehende Goldmedaille als Radioreporter ankündigen. Er brach seine Moderation ab, weil die Ansage aus seinem Mund nur in zerhackten Brocken herauskam. Normalerweise hätten sich Bruder und  Schwester über diese witzige Lautfolge köstlich amüsiert. Aber es war nicht mehr die Zeit zu lachen. Es wurde für Thiedemann und Winkler immer schwieriger sich auf dem Pferderücke zu halten. Der Spaß eskalierte zu einem Höllenritt, der für die beiden Weltklassereiter in allernächster Zeit mit einem Sturz enden musste.
Hans Günther Winkler wimmerte schon und bat Fritz Thiedemann, den Ritt sofort abzubrechen. Der hätte das auch liebend gern getan. Mit Meteor, so hat er später erzählt, wäre es ihm auch gelungen. Nicht aber mit Else.
Und dann geschah ein kleines Wunder. Else ging im Schritt um dann ihre weitere Mitarbeit gänzlich einzustellen. Weit weg von der Aufstiegshilfe, weit entfernt von irgendwelchen Medaillenrängen verabschiedete sie sich aus dem olympischen Turnier, blieb einfach stehen.
Und nun, fragt Winkler.
War nix mit Gold. Wir müssen hier runter.
Wie? Das ist so hoch.
Thiedemann wusste auch nicht, was er tun sollte. Seine Beine schmerzten vom unfreiwilligen Spagat auf dem Pferderücken. Obwohl ein gutes Jahr älter als Winkler, traute auch er sich nicht vom Pferd zu rutschen. Hans Günther Winkler gingen die Nerven durch. Er begann wie in tiefster Todesangst zu schreien.
Mamaaaa! Hiiiilfeeee! Hilfeee!
Das war zu viel für Else. So hatte sie es ja auch nicht gemeint und glaubte, dass sie wieder weiter laufen sollte.
Weil das aber auch nicht im Sinne des großen Champions aus Elmshorn war, fiel der jetzt auch noch in das Hilfegeschrei von Winkler ein.
Else hat das wiederum als Aufforderung genommen, einen Zahn zuzulegen.

Deutschlands Goldjungen waren endgültig am Ende. Warum hörte bloß niemand, dass es hier inzwischen schon um viel mehr als Gold für Deutschland ging.
Hier ging es ums nackte Überleben.
Den Eindruck hatte auch die Mutter von Thiedemann und Winkler. Sie kam gerade mit zwei schweren Einkaufstaschen die Hofauffahrt hoch. Als sie das Geschrei vernahm, rauschten die Einkäufe aufs Hofpflaster und sie rannte entsetzt dem Geschrei nach.
Gott sei Dank!
Im Laufstall angekommen sah sie ihre Kinder wohlbehalten aber völlig aufgelöst auf der alten Else sitzen. Die war in Anbetracht des neuen Gastes im Stall stehen geblieben. Mutter Petersen schlüpfte durch das Balkenfachwerk und nacheinander rutschten Thiedemann und Winkler in die Arme der Mutter.
Das war Elses einzige und letzte Olympiateilnahme.
Meine übrigens auch.
Reiten war nichts für mich, jedenfalls nicht mit so kurzen Beinen.

Ziemlich geschafft von unserem Alptraumritt lagen wir abends unter unseren Bettdecken. Ich wollte gerade einschlafen, als ich vom Nachbarbett zurück in die Welt der Wachen geholt wurde.
Thiedemann?
Ja.
Mit Halla wäre das nicht passiert.
Mit Meteor auch nicht, Gute Nacht Winkler, schlaf gut!
Gute Nacht Thiedemann.

Donnerstag, 2. Februar 2017

Der Kaschmirschal



Wer mich kennt, weiß dass ich in Sachen Kleidung nicht gerade der Anspruchsvollste bin. Nicht, dass mir völlig egal ist, was ich anziehe. Nur bin ich wohl in der Wahl meiner Kleidung etwas anspruchsloser als die meisten Menschen um mich herum. Das heißt aber noch lange nicht, dass nicht auch ich meine Lieblingsstücke im Kleiderschrank oder am Garderobenhaken habe. Wenn ich also so oft im blau-weiß gestreiften Hemd zu sehen bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nichts Anderes besitze. Ich mag es einfach am liebsten.
So geht es mir auch mit meinen Schals. Ein halbes Dutzend liegt in der Kommode und doch darf mich meistens nur der eine, der gute, der weiche Schal mit der Kaschmirwolle begleiten.
„Willst du dir den nicht lieber für besondere Anlässe aufheben?“ werde ich gelegentlich mal gefragt, bevor der Schal mit mir das Haus verlässt.
Das will ich natürlich nicht. Nicht ohne Grund fällt meine Wahl meistens gerade auf diesen Schal.

Ich stehe ausgehbereit in der Tür und will zur Jahreshauptversammlung des Yachtclubs. Sie findet im „Deutschen Haus“ statt und alles deutet darauf hin, dass meine Kleidung nach der Versammlung den gleichen Geruch haben wird, wie das „Deutsche Haus“. Da werden nämlich viele Traditionen gepflegt die anderswo längst schon Geschichte sind. So wird der Duft von Fritten und Currywurst oder auch anderen Speisen durch Vermeiden von regelmäßigem Lüften noch lange über den Verzehrzeitpunkt in den Räumen konserviert. Von der Umgehung des Rauchverbotes in Gaststätten ganz zu schweigen.
Das alles wissend habe ich mir schon die Segeljacke angezogen, die dann, nach der Versammlung, im Keller auslüften kann. Bloß nicht den guten Wollmantel mitnehmen. Der nimmt nämlich die Gerüche des „Deutschen Hauses“ noch viel dankbarer an wie die synthetische Segeljacke.

„Willst du wirklich mit der Jacke los?“
„Ja, du weißt doch, wie die Klamotten riechen, wenn man im „Deutschen Haus“ war.“
„Und der gute Schal?“
„Den hänge ich raus, wenn ich zurück bin. Tschüß!“

Angenehme Überraschung im „Deutschen Haus“. Die Versammlung findet auf dem Saal statt, die Garderobe befindet sich auf dem Flur, der durch die Nähe der Ausgangstür erstaunliche neutrale Luft hat. Meine Jacke findet einen Platz auf dem Kleiderbügel. Der Saal ist rauchfrei! Erstaunlich, hätte ich nicht erwartet nach all meinen Vorerfahrungen der letzten Jahrzehnte. Die Versammlung verläuft nach traditionellem Muster, wie ich sie schon kenne unter Leitung des vorherigen Vorsitzenden und dem noch davor. Beschlüsse werden fast immer einstimmig gefasst und nach Entlastung des Vorstandes oder bei Neuaufnahmen gibt es nicht selten eine Runde Schnaps. Tumultartig wird es dann, und auch das nichts Neues, unter dem Punkt „Verschiedenes“. Hier werden Punkte abgearbeitet, die nicht mehr den Weg auf die Tagesordnung gefunden haben, weil deren Fürsprecher nie die Antragsfristen einhalten. Also nicht anders als in den vergangenen Jahren. Nach zwei Stunden verlasse ich das Lokal. Für das nach der Sitzung anstehende gemütliche Beisammensein bin ich zu müde und außerdem habe ich mein Geld zu Hause vergessen.

Ich verlasse das “Deutsche Haus“ gemeinsam mit Gerdi Henken. Frostluft löst fast schon einen Schmerz in der Lunge aus, es trifft ein eiskalter Wind auf meinen Hals.
Ich habe keinen Schal um!
Er muss noch an der Garderobe sein.
Gerdi muss alleine weitergehen. Ich kehre um. Zweimal gehe ich die Bügelreihen durch. Mein Kaschmirschal, der „Gute“, ist weg. Das ist bitter, hätte ich doch bloß einen von den minderwertigen Schals aus der Kommode genommen.
Der Hals wird kalt. Im Auto überlege ich, ob ich denn wirklich den guten Schal umgebunden hatte. Doch, wir hatten ja noch darüber gesprochen, ob es der „Gute“ sein müsse.
Es gibt doch ganz schön schlechte Menschen. Gehen an einer Garderobe vorbei, entdecken, dass der Schal mit der Kaschmirwolle sich so schön anfühlt, und schon wird ein blitzartiger Besitzerwechsel vorgenommen. Nein, woran soll man denn noch glauben? Aus dem  „Deutschen Haus“ kommt man nie ohne dessen haustypisches Aroma heraus aber bislang immer noch mit seinen Anziehsachen.
Oder hatte ich den Schal doch noch zurück gehängt?
Ich mache jetzt immer öfter mal Dinge, die ich später gar nicht mehr genau weiß.
Aber der Schal? Der war doch mit. Oder?

Zu Hause öffne ich die Stubentür und melde mich zurück.
„Wie war´s?“
„Wie immer. Mein Schal ist weg oder hast du ihn hier irgendwo gesehen?“
„Der „Gute“?“
„Ja der.“
„Den hattest du doch um, als du gingst!“
„Ja, das meinte ich eigentlich auch. Aber in der Garderobe im „Deutschen Haus“ habe ich ihn nicht mehr gefunden.“
„Schade. Habe ich dir mal zum Geburtstag geschenkt.“
Ich hänge die Jacke auf und gehe in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Auf dem Weg zur Stube glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Da liegt er, der gute Schal mit der Kaschmirwolle, auf dem Fußboden. Als hätte ihn jemand dahin geworfen. 




Noch nicht ganz in der Stube frage ich schon:
„Wo hast du ihn gefunden?“
 „Wen?“
„Den guten Schal.“
„Wieso? Ich habe nichts gefunden, saß die ganze Zeit hier. Ist er also wieder da?“
„Ja, er lag auf dem Boden im Flur, als ich aus der Küche kam.“

So schlimm ist es also doch noch nicht hier bei uns auf dem Lande.  Mit der Kriminalität meine ich.
Und was war nun mit dem Schal?
In der Garderobe hatte ich ihn jedenfalls nicht vergessen. Sonst wäre er ja nicht hier.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Eenoog - eine Pferdegeschichte



Ich weiß noch genau, wie Alex zu uns auf den Hof kam. Damals war ich fünf oder vielleicht sechs Jahre und, obwohl Alex nur zwei Tage Mitglied unserer kleinen Hofgemeinschaft war, kann ich mich heute noch an viele Einzelheiten erinnern.
Es muss Herbst gewesen sein. Ich kann es nicht genau sagen, aber im Herbst wurden die Rüben geerntet. Ziemlich spät sogar im Herbst, ich habe ein Bild vor Augen von langen Reihen gezogener Rüben, deren Blätter von Raureif überzogen waren. Ja, und Alex kam mitten in der Rübenernte zu uns. Ich war allein auf dem Hof, kam vielleicht gerade von Heinzi, meinem Spielkameraden von gegenüber.  Das goldbraune Lindenlaub mit den Füßen vor mich her schiebend vernahm ich von der Dorfstraße das Geräusch eines Autos begleitet von dem Hufgeklapper eines trabenden Pferdes.
Ein Auto in unserem Dorf?
 Damals, 1954 oder 1955 gab es nur zwei Autos, die gelegentlich durchs Dorf fuhren. Tamme Metjes, der Viehhändler und Schlachter aus Neumünster und unser alter, weißhaariger Hausarzt Dr. Cornils, auch aus Neumünster.  Sofort wandte ich meine Aufmerksamkeit von den Laubhaufen in der Lindenallee ab und blickte in Richtung Dorfstraße.


Eine Seltenheit in jenen Tagen. Ein Mercedes wie ihn Tamme Metjes, unser Viehhändler, fuhr.

Das Geräusch von Motor und Hufen wurde lauter und dann fuhr der schwarze Mercedes von Tamme Metjes  nicht nur in mein Blickfeld: Er bog sogar in die Lindenallee ein, die unseren Hof mit der Dorfstraße verband.  Der Mercedes auf unserem Hof allein war schon sensationell. Das Hufgeklapper kam von einem aus meinem damaligen Empfinden riesigen braunen Pferd, das Tamme Metjes einhändig lenkend  mit der  linken Hand bei ausgestrecktem Arm durch das geöffnete  Seitenfenster neben dem fahrenden Auto in leichtem Trab mit sich führte. Genau neben mir blieb das ungewöhnliche Gespann stehen. Gerade an der Brust des Braunen vorbei konnte ich Tamme Metjes sehen. Ich kannte ihn und sein Auto von früheren Besuchen. Das Pferd war neu für mich und rief trotz allen Respektes wegen seiner Größe Neugier hervor. Vielleicht hatten Bauernsöhne in jener Zeit das gleiche Kribbeln im Bauch, das heute Bauernsöhne verspüren, wenn sie neben den riesigen Hinterrädern eines  Fendt 700 Vario mit 240 PS stehen.

„Is dien Vadder tau Huus, Jung?“
„Weiß nich, vielleicht im Stall.“
„Machs mool kieken? Sech em mool, dat Tamme Metjes mit dat neege Peer dor is.“
Ich fand ihn im Kuhstall  beim Ausmisten.
„Kanns mal kommen. Tamme Metjes is da und ich soll dir sagen, dass das neue Pferd da ist.“
„Jung, was hast du da bloß verstanden. Neues Pferd? Wir kriegen kein neues Pferd.“
Während er sprach stellte er die Schaufel neben die Mistgabel, die bereits an der Stallwand lehnte. Langsam humpelte er  mit seinem steifen Bein den Mistgang runter raus auf den Hof und ich hinterher.
 Es interessierte mich schon, warum er nichts von unserem neuen Pferd wusste.
Tamme Metjes war inzwischen ausgestiegen und lehnte, das Pferd am Halfter haltend, an seinem immer noch laufenden Mercedes.
„Dach Kueert (Kurt), ick heb di dien neeget Peer mitbröcht.“
„Dach Tamme. Ick har keen Peer köfft un ick will ook keen Peer köpen.  Ick heb all dree Arbeidspeer un de olle Else. Dat langt.“
Else, unsere alte Holsteiner Stute, konnte höchstens noch den einachsigen Milchhänger ziehen, und auch das war ihr manchmal schon zu schwer. Sie war aber das erste Pferd meiner Eltern, als sie den Hof übernahmen, und nun erhielt sie für jahrlange treue Dienste ihr Gnadenbrot auf dem Hermannshof.
„Weet ick doch woll, Kueert, oober passen de hei  good tau diene annern dree Brunen.“
„Mach woll ween. Oober schasst se man ook all satt kreegen.“
„An Goorlanner Wech weern diene Lüe an Rööbenföhrn. Hebb doch sehn, as wie dat eene Peer sick afmaddelt het mit den swoorn Kastenwogen. De kann woll gau noch´n  Kollech bruken. Dann kanns du mit twee Woogen tweespännich föhrn. Ankieken kanns em  jo. Köst jo noch nix.“

 
Kurt Petersen wäre kein echter Bauer gewesen, wenn er sich das Pferd nicht aus nächster Nähe angesehen hätte. Er nahm Tamme den Strick aus der Hand und führte den Wallach im weiten Kreis auf dem Hof herum. Irgendwie hatte der Pferdehändler schon Recht. Der Braune war stark gebaut und machte eine gute Figur. Würde wirklich gut zu den drei anderen passen. Und das Argument, dass die Ernte  bei zwei zweispännigen Fuhrwerken schneller drin wäre überzeugte ebenso wie der Gedanke an die Feldbestellung. Wie er später häufiger erzählte, hatte er sich heimlich schon vorgenommen, in den Handel einzusteigen. Gerade wieder zurück bei Tamme Metjes  wollte er sich den Braunen, der vom Pferdehändler „Alex“ genannt wurde, noch einmal von der anderen Seite ansehen. Tamme übernahm seinen Alex wieder.
Über das längere Bein humpelnd  umkreiste mein Vater Alex. Mit seinem einen Auge -  das andere hatte er irgendwo vor El Alamein in der libyschen Wüste verloren -  inspizierte er Muskeln und Rückenlinie des Pferdes als er abrupt stehen blieb. Er sah zum ersten Mal Alex Kopf von dieser Seite.
„Ne, Tamme, denn kann ick nich bruken.“
„Worüm nich?“
„De het jo nur een Oog. Ne ´n Eenoog will ick nich hem!“
„Wat is denn so slecht an Eenoog? Kueert du hest doch ook bloots een Oog.“
Vater tat so, als hätte er es nicht gehört.
„Ne, Tamme , `n  Eenoog kann ick nich bruken. Nimm em  weller mit no Huus.“
„Wat hest du gegen Eenoog? Du spannst em mit dat eene Oog no de Strootensiet in. Op de anner Siet, de Siet, wo keen Oog is, door is ook nix tau kieken. Dor löpt sien Kollech, den hei bald in-  un utwennich kennt. Denn brukt hei nich antaukieken.“
„Hest jo recht, Tamme, oober hei is man´n  Eenoog.“
„Nu vertell ick di wat, Kueert, wat hei op´n Hinwech nich süht, dat süht hei op´n  Trüchwech!“
Und dann, nach kurzer Pause, fuhr er fort:
 „Du behölls Alex hier un probeers em ut. Wenn dat nich geiht mit jau, kummt hei furts weller trüch no mi.“

Das  war ein faires Angebot. Über Geld war noch kein Wort gefallen und, weil der Vorschlag für meinen Vater völlig ohne Risiko war, nahm er das Angebot von Tamme Metjes an. Der Viehhändler wuchtete seinen mächtigen graubekittelten Körper  hinter das Lenkrad, drehte eine Runde um sein Pferd, tippte im Vorbeifahren an die breite Krempe seines grauen Filzhutes und verschwand auf die Dorfstraße. Mehrere Dorfkinder, angelockt durch das Auto, beobachteten aus sicherer Distanz vom Milchbock aus, was sich auf dem Hermannshof tat. Mit Sicherheit wusste halb Groß Kummerfeld bereits zum Abendessen, dass Kurt Petersen ein neues Pferd hat.
Alex´ zwei Tage in der Hofgemeinschaft   des Hermannshofes   begannen völlig unspektakulär und problemlos.



Alex, ein schöner Brauner, wie dieser. Das fehlende Auge, wenn eines fehlt, muss auf der anderen Seite sein.

Am nächsten Tag wurde Alex eingespannt. An seiner  Seite ein bewährtes und zuverlässiges älteres Pferd. Mein Vater übernahm das zweite Gespann mit dem „Neuen“. Er hatte den Rat des Viehhändlers befolgt und das Pferd mit dem einen Auge zur Straßenmitte eingespannt. Nachbarn, die zufällig  mitbekamen wie die zwei Ackerwagen zweispännig über das Kopfsteinpflaster der Dorfstraße rumpelten, glaubten nun endgültig, dass da ein neues Pferd auf dem Hermannshof ist.  Am Gadelander Weg lag der Rübenacker. In den Tagen zuvor hatten Männer und Frauen bereits die Steckrüben aus der sandigen Geesterde gezogen, in gerader Reihe mit dem Rübenblatt in eine Richtung abgelegt, um dann im nächsten Arbeitsschritt mit geschärften Spaten das Kraut von der Frucht zu trennen.  Heute nun fuhr das erste Gespann  durch die Reihen. Von zwei Seiten stakten die Erntehelfer die Rübenblätter auf den Wagen. Sie sollten in den nächsten Tagen eine hochwertige Ergänzung des Futters für die Milchkühe bilden. Der zweite Wagen, mit meinem Vater auf dem Bock, wurde mit den geköpften Rüben beladen.
Zur Kaffeepause ließen sich alle Arbeiternnen und Arbeiter auf den mitgebrachten Strohklappen nieder und verzehrten ihre Butterbrote aus den damals üblichen nierenförmigen Aluminium Brotdosen.

Ackerwagen zweispännig bei der Rübenernte

Nach der Pause ging die Arbeit weiter. Der Rübenwagen war halbgefüllt. Geduldig warteten die Pferde die Frühstückspause ab. Sie dachten nicht im Traum daran, die schweren Wagen ohne Kommando zu ziehen. Alex schien für sich einen folgenschweren Entschluss gefasst zu haben. Als mein Vater den schon recht schweren Ackerwagen um eine Wagenlänge vorfahren wollte, geschah das für alle Unfassbare. Alex legt sich in vollem Geschirr hin, reißt seinen Macker fast noch mit zu Boden. Durch nichts ließ er sich zum Aufstehen bewegen. Selbst der alte Dobbertien, im Weltkrieg I schon bei der Kavallerie gedient und vor dem Weltkrieg II auf fürstlichen Gestüten gearbeitet, konnte Alex  umstimmen. Dobbertien, der einzige, der mit dem Fahrrad zum Feld gekommen war, wurde zu Frau Munck in unsere Poststelle geschickt. Dort gab es seinerzeit das einzige Telefon im Dorf. Tamme Metjes wollte nicht glauben, was er hörte, und versprach sofort zu kommen. Dobbertien war noch nicht lange zurück, als der schwarze Mercedes in die Feldzufahrt einbog. Der korpulente Pferdehändler stolperte durch die Rübenreihen zum Gespann. Alex lag immer noch so, wie er sich nach der Frühstückspause hingelegt hatte. Auch Tamme Metjes konnte seinen Alex nicht auf die Beine bringen. Weder Peitschenhiebe noch grobes Gezerre am Halfter waren erfolgreich.
„Wenn du dat nich anners willst, is dat eben so“, sagte Tamme zum Pferd und den umstehenden Männern rief er zu: „Utspannen!“
Alex wähnte sich am Ziel seiner Wünsche. Die Menschen hatten allem Anschein begriffen, dass mit ihm diese Schinderei auf dem Rübenacker nicht zu machen sei. Kaum aus dem Geschirr stand er auf, schüttelte sich und guckte die herumstehenden Männer mit seinem einen Auge an, als wollte er sagen: „Seht nur, so geht es! Man darf sich eben nicht alles gefallen lassen!“
„Und nu?“ fragt mein Vater.
„Wat woll, warst schon wies, wat nu passeert.“
Wortlos nahm er Alex mit zum Auto und, was nun geschah, kannte ich schon. Tamme Metjes entschwand mit Alex in Richtung Gadeland so, wie er tags zuvor auf den Hof gefahren kam: Eine Hand am Steuer, die andere führte das Pferd.

Aufmerksame Dorfbewohner, die die Hermannshof Gespanne noch nicht auf dem Hinweg gesehen hatten, glaubten den Gerüchten, dass Kurt Petersen nun zweimal zweispännig fährt, nicht mehr. Schließlich hatten sie ja mit eigenen Augen gesehen, dass ein Wagen mit zwei Pferden und ein Wagen mit einem Pferd zum Hof zurückfuhren.
„Und“, fragte ich meinen Vater auf der Rückfahrt, „was passiert jetzt mit Alex?“
„Weiß ich nicht und ist mir eigentlich auch scheißegal!“
Er war nicht allzu gut gelaunt. Ich habe es an seiner Sprache gemerkt. So sprach er sonst nie mit mir.

Am nächsten Tag, ich studierte gerade eine Zirkusnummer auf einem Rohrsegment des Heugebläses ein und hatte mich schon einige Meter auf dem rollenden Rohrstück fortbewegt, als der Mercedes von Tamme Metjes auf den Hof fuhr. Ich runter vom Rohr. Hoffentlich sagt er meinem Vater nicht, dass ich mit dem Rohr über den Hof gerollt bin.
Tamme hält neben mir und kurbelt die Scheibe runter.
„Dach mien Jung. Is dien Vadder dor?“
„Nee!“
Hätte er doch eigentlich wissen müssen. Sonst wäre ich doch niemals mit dem  kurzen Rohrende auf dem Hof unterwegs gewesen.
Dann reichte er mir ein rosafarbenes Paket durch das Fenster.
„Bring dat man rin un, wenn dien Öllern froogt, wat das is, dann sechst du: Dat is´n  Gruß vun Alex.“

Das Auto rollt vom Hof und ich stehe fast genau an der Stelle, wo ich vor zwei Tagen „dat Eenoog“ Alex zum ersten Mal gesehen habe. Ich blicke auf das rosa Paket, den Gruß von Alex, und auf einen Schlag weiß ich, dass Alex mit dem einen Auge nie wieder einen schweren Wagen ziehen muss.