Dienstag, 16. Mai 2017

Das Vermächtnis des Heiratsschwindlers



Wir hier in Friedeberg leben, wie man in Norddeutschland sagt, weit vom Schuss. Trotzdem geht es uns  noch in mancher Hinsicht besser als so manch einem der umliegenden Dörfer. Wir haben noch zwei Gaststätten, zwei Bankfilialen, einen Arzt, eine Apotheke, zwei Bäcker und unseren EDEKA Markt. Außerdem haben wir durch eine Wasserverbindung zur Elbe und könnten, rein theoretisch, jede Hafenstadt der Welt, wenn sie denn nicht an einem Binnenmeer liegt, direkt von Friedeberg mit dem Boot ansteuern.  Wir haben den schönsten Erntedank Altar und bis vor kurzem hatten wir auch noch unseren eigenen Heiratsschwindler.
Richtig gelesen. Bis vor kurzem.
Bringfried von Bärenfels stand auf seiner Karte.
„Von den Bärenfels aus Pommern?“  wurde er häufiger  schon gefragt.
Er pflegte dann zu antworten:
„Nicht direkt. Ich entstamme einer Nebenlinie, die nun schon seit mehreren Generationen in Chile lebt.“
Wenn er nicht „im Dienst“ war, was so gut wie nie geschah, gab es noch den Namen den er von seinen Eltern mitbekommen hatte: Hans-Otto Schlingbier. Die Schlingbiers stammen übrigens, wie der Hauptzweig derer von Bärenfels, ebenfalls aus Pommern. Damit endet dann aber auch schon jegliche Gemeinsamkeit.
Fast!
Seine gepflegte Erscheinung,  gutes Benehmen, sein sicheres Auftreten und die charmante Art seine Mitmenschen zu unterhalten,  hat er sich antrainiert. Ohne irgendjemanden aus der Familie von Bärenfels persönlich zu kennen, hatte er sich in seinem Kopf ein Bild seiner Wahlfamilie zurechtgelegt, dem er in jeder Hinsicht zu entsprechen versuchte.

Als von Bärenfels vor einigen Monaten in Friedeberg auftauchte, hieß er bereits wieder Schlingbier, weil ihm ein kleinlicher Richter am Landgericht in Itzehoe bei Androhung einer weiteren Strafe verbot, seinen adligen Wahlnamen weiter zu führen. Das war dann auch nicht so schlimm, weil da, wo er die letzten drei Jahre verbringen musste, sich ohnehin niemand von seinem Adelstitel hätte beeindrucken lassen. An seiner Zellentür stand jedenfalls Schlingbier und nicht Bärenfels.
Über 20 Jahre hatte Schlingbier als von Bärenfels sehr erfolgreich als Selbstständiger gearbeitet. Sein Geschäftsmodell war nicht neu aber eben sehr erfolgreich. Immer wieder fanden sich ältere Witwen mit größerem Vermögen und sehr großem Verlangen nach Liebe und Aufmerksamkeit. In der Annahme die Liebe fürs Leben gefunden zu haben, ermöglichten sie ihm Zugang zu ihren Konten und Depots. Enttäuschung und Scham hielten seine Opfer von Anzeigen ab oder es gelang ihm, für einige Monate auf irgendeiner spanischen Urlaubsinsel unterzutauchen, bis sich die Verfolgungsbehörden anderen, aktuelleren und wichtigeren Fällen zugewandt hatten. Es lief so gut die Jahre und so hätte es gern auch noch weitergehen können, hätte er nicht der Versuchung nachgegeben zwei Frauen gleichzeitig glücklich zu machen. Immer wieder musste er auf Geschäftsreise nach Bad Oldesloe und von dort wieder zurück nach Kellinghusen zu seiner Freundin mit den Zementaktien. Ich weiß nicht, was den Schwindel auffliegen ließ. Verhängnisvoll war jedenfalls, dass sich beide betrogenen Frauen zusammentaten und von Bärenfels durch ihre Aussagen für drei Jahre hinter Gitter brachten.

In Friedeberg ist er auf dem Weg zu Alma Wehrfritz gestrandet, einer alten „Freundin“, der er aus der Haftanstalt geschrieben hatte. Sie hatte ihm verziehen und schrieb, dass er „danach“ gerne bei ihr wohnen dürfe. In Friedeberg angekommen musste Schlingbier dann bedauerlicherweise feststellen, dass Alma bereits vor vier Wochen auf den Friedhof umgezogen war. Ihr Restvermögen ist zwar nicht mit umgezogen, war jedoch bei irgendwelchen Erben gelandet.
Schade! Vielleicht hätte er daraus ja noch etwas machen können.
Was tun?
Sein ganzer Lebensplan war auf eine gemeinsame Zukunft mit Alma Wehrfritz ausgelegt. Mit dem Geld vom Amt nahm er sich eine Wohnung im alten Mehrfamilienmietshaus am Totengang. Oh, was für edlere Quartiere hatte er schon gehabt! Dennoch, schöner als sein Zimmer in der JVA war es hier noch allemal.
Was als Übergang gedacht war, wurde sein letztes Quartier.
Bevor er wieder als von Bärenfels arbeiten konnte, folgte er Alma Wehrfritz in den Himmel. Niemand in Friedeberg wusste, was da eigentlich in seiner Wohnung geschehen war. Schlingbiers Vermieter hat ihn tot auf dem Sofa vor laufendem Fernseher und übervollem Aschenbecher gefunden. Hans-Otto von Bärenfels, den es ohnehin nie gegeben hatte, verschwand aus Friedeberg. Zurück blieben ein paar persönliche Besitztümer, nicht mehr als in einen Koffer passen, und ein älterer Audi, der im Hof des Mietshauses parkte.
                                                 

Wo Schlingbiers sterbliche Überreste geblieben sind, weiß ich nicht. Seine paar Habseligkeiten befanden sich beim Abtransport seines Leichnams gepackt im Koffer, als habe er gewusst, dass es demnächst auf eine weite Reise gehen würde. Irgendjemand, der wusste, dass ungeklärte Erbschaften eine Wohnung monatelang blockieren konnten, hatte den Nachlass des Heiratsschwindlers übersichtlich für den Abtransport bereitgestellt. Weil Schlingbier jedoch auf seiner letzten Reise keinen Koffer benötigte, blieb der zunächst versiegelt im Rathauskeller, bis irgendwann einmal die Zuständigkeiten geklärt sein würden. Genau das aber war nicht ganz einfach, weil Schlingbier noch nicht in Friedeberg gemeldet war und in seinen Itzehoer Papieren „Aufenthalt unbekannt“ stand.
Obwohl nicht zuständig, gab das Rathaus der Gemeinde Friedeberg dem herrenlosen Koffer vorübergehendes Asyl in den Kellergewölben. Vermutlich wird in einigen Monaten ein Mitarbeiter von Wolfgang Schäuble im Rathaus eintreffen und um die Herausgabe des Erbes an die Bundesrepublik Deutschland bitten. Wer immer den Koffer gepackt hatte, er wird wissen, dass die  Enttäuschung des Ministers nach Öffnung des Koffers grenzenlos sein wird. Eigentlich hätte er, also der Schäuble, wissen müssen, dass bei von Bärenfels, pardon, Schlingbier nichts zu holen sein konnte. Aber im Gegensatz zu allen anderen Erben in der Republik, konnte der Minister eine Erbschaft nicht ausschlagen.
Soweit das Schicksal des Koffers.
Nun gab es da aber noch das Auto des Heiratsschwindlers. Vermutlich würde auch das in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland übergehen. Solange aber die Zuständigkeiten nicht geklärt waren, blieb es einfach, sehr zum Ärger des Vermieters, im Hof des Mietshauses stehen. Im Rathaus ließ man den Besitzer des Hauses mit dem Hinweis fehlender Zuständigkeit abblitzen. Schließlich stünde das Auto ja auf Privatgrund.
Am nächsten Morgen stand der Audi gute hundert Meter von seinem vorherigen Standort entfernt unverschlossen am Straßenrand.

Nach mehreren Tagen meldete Werner Schlohbohm, ein Anwohner, dass da in der Straße ein unverschlossenes Auto stünde und bereits Kinder und Jugendliche darin gesehen worden seien. Man mache sich Sorgen. Was ist, wenn Jugendliche mit dem Auto eine Spritztour unternähmen?
Noch einmal einigen Tage später kam auf Nachfrage aus dem Rathaus, dass man sich nun zwar zuständig fühle, jedoch auf die Polizei warten müsse, die noch den Halter ermitteln müsse.
Die fand dann sehr schnell heraus, dass das Auto einem gewissen Hans-Otto Schlingbier gehöre und in Itzehoe zugelassen wurde. Eine Recherche beim Einwohnermeldeamt habe ergeben, dass Schlingbier unbekannt verzogen sei.
Diese Nachricht brachte den Mitarbeitern im Ordnungsamt von Friedeberg keine Neuigkeiten. Sie wussten ja schon etwas mehr über den Halter, wenn auch sein Aufenthalt inzwischen schon wieder, zumindest für die Rathausmitarbeiter, unbekannt war.
Für die Friedeberger Polizei war jetzt zumindest klar, dass der Fall des herrenlosen Autos zwischen Totengang und Arztvilla geklärt war. Für allgemeine Sicherheit sei nun das Ordnungsamt zuständig.
Einige Tage später meldet der besorgte Anwohner Werner Schlohbohm er habe, als er noch einmal mit seinem Hund los musste, zwei junge Männer überrascht, die gerade den Audi kurzgeschlossen hatten. Auf die Frage, was denn hier passiere, hätten sie gesagt: „Verpiss dich Alter!“ und sind in Richtung Arztvilla davongelaufen. Beschreiben konnte er die Täter nicht, es sei ja schließlich dunkel gewesen und die vermutlich durch einen Steinwurf zerstörte Straßenlaterne sei ja trotz wiederholter Meldung immer noch nicht repariert.
„Also, das mit der Lampe lassen wir mal ganz raus. Gemeindeangelegenheit, musst du da melden. Für den versuchten Diebstahl nehmen wir eine Anzeige entgegen, “ meinte Gerster, einer der beiden Friedeberger Polizisten, und legte deutlich widerwillig eine Akte an.
Auf dem Rückweg machte Schlohbohm einen Abstecher ins Rathaus, um zu hören, wann denn endlich mit einer Laternenreparatur zu rechnen sei.
„Dafür sind wir nicht zuständig. Wir haben den Fall aber gleich an den Stromversorger weitergemeldet.“
„Ja und? Was haben die gesagt?“
„Wird gemacht, wenn mehrere Lampen hier repariert werden müssen. Sonst lohnt der Einsatz des Hubwagens nicht.“
„Und das Auto? Der Audi vor meiner Tür. Wann verschwindet der endlich?“
„Nun mal ganz ruhig, da sind wir dran.“
Schlohbohm verließ mit knappem Gruß und starker Erregung das Rathaus. Er hatte es doch damals schon geahnt, als er noch im Rat saß und mit ungutem Gefühl dem Antrag des Bürgermeisters auf Privatisierung der Wartung der Straßenbeleuchtung zugestimmt hatte.
Wann hat Privatisierung von öffentlichen Aufgaben schon einmal nachhaltigen Vorteil für das Gemeinwesen gebracht?
Schlohbohm fiel kein Beispiel ein.
Auf dem Hof des Hauses am Totengang lag ein kleiner Haufen weißer, etwa hühnereigroßer Ziersteine. Ganz kurz durchzuckte ihn ein Gedanke, den er jedoch schnell wieder verwarf.
Selbstjustiz war nicht sein Ding. Und überhaupt, wenn ihn jemand beim Versuch, die Straßenlaternen in seiner Straße kaputtzuschmeißen, sehen würde?
Nein, völlig ausgeschlossen.
Auf der anderen Seite, für den Stromversorger würde es sich dann schon lohnen, den Hubwagen zu schicken.
Beim Mittagessen erzählt er seiner Frau, was ihm bezüglich der Straßenbeleuchtung durch den Kopf gegangen sei. Sie fand die Idee eigentlich gar nicht so schlecht. Allerdings bezweifelte sie, ob er überhaupt noch die Kondition habe eine Straßenlaterne, geschweige denn mehrere kaputtzuwerfen.
Das fand Schlohbohm etwas gemein, obwohl er auch nicht so recht an sich glaubte.
Trotzdem, sie hätte es ja nicht sagen müssen.
Bis nach der Mittagsstunde hatte er keine Lust mehr zu reden.

Um zwei Uhr morgens wachen die Schlohbohms von Sirenenlärm auf. Blaulicht zuckt durch das Schlafzimmer, aufgeregte Kommandos sind durch das geschlossene Fenster zu hören.
Schlohbohm zieht sich seinen alten, schon etwas verschlissenen Bademantel über, schlüpft in seine Hausschuhe und verlässt das Haus, um zu sehen, was passiert ist. Mehrere Feuerwehrfahrzeuge und ein Polizeiauto sorgen mit ihren Blaulichtern für eine ungewollte Lichtinstallation der besonderen Art.
Schlohbohm fragt einen Feuerwehrmann, der sich gerade eine Zigarette anzündete, was denn los sei.
„Fred Köneckes Schuppen hat gebrannt. Ist aber alles in Ordnung. Blöd war, dass ein Auto direkt vor dem Hydranten stand. Hat unnötig Zeit gekostet.“
Der Audi! Ja jetzt bemerkte er es. Das Ärgernis der letzten Wochen stand nicht mehr gegenüber seiner Auffahrt.
„Wo ist das Auto geblieben?“
„War nicht abgeschlossen. Wir haben ihn dahinten auf den Parkplatz hinter dem Mietshaus geschoben. Vor dem Arzt Haus!“
Schlohbohm wurde kalt in seinem Bademantel und er kehrte mit den aufregenden Nachrichten über den Brand  aber ganz besonders auch über den verschwundenen Audi ins Haus zurück.
In den nächsten Tagen beherrschte die versuchte Brandstiftung das Dorfgespräch.

Dann aber meldete sich der Audi des Heiratsschwindlers zurück. Er stand mit geöffneter Fahrertür auf dem Parkplatz des Mietshauses. Schlohbohm konnte es aus seiner Schlafstube sehen. Bei seinem nächsten Gang mit dem Hund suchte er den Audi auf, um die Tür zu schließen. Da sah er, dass das Radio fehlte.
„Lieber nichts anfassen“, sagte er sich und ging weiter.
Einen Tag später schreckte ihn blecherner Lärm aus der Mittagsstunde. Vier oder fünf Kinder hatten den herrenlosen, unverschlossenen Audi entdeckt und tanzten auf Dach, Motorhaube und Kofferraumdeckel. Eigentlich wollte er das Fenster öffnen und die Kinder von ihrem Spielplatz vertreiben. Dann aber besann er sich eines Besseren und rief im Rathaus an.
Ohne seinen Namen zu nennen rief er dem verdutzten Angestellten zu, wann denn endlich der verfluchte Audi aus seiner Straße verschwände. Fred Glüsing, seit Jahrzehnten vertraut im Umgang mit Zornausbrüchen seiner Mitbürger, blieb die Ruhe selbst.
„Herr Schlohbohm, wir hatten Ihnen doch gesagt, dass wir dran sind.“
„Es ist aber nichts passiert!“
„Wir sind ja auch nicht mehr zuständig. Der Wagen steht ja jetzt nicht mehr auf öffentlichem Grund. Jetzt ist der Besitzer des Mietshauses verantwortlich und den können wir schon seit Tagen nicht erreichen. Soll auf Safari in Südafrika sein. Kann man nichts machen. Sowie er zurück ist, kriegen wir das Problem in den Griff. Haben Sie Vertrauen zu uns!“
Vertrauen?? Schlohbohm beendet grußlos das Gespräch.
Mittags bringt der Postbote einen Brief vom Landkreis, in dem er lesen konnte, dass man sich nun in einem gemeinsamen Termin von Jugendamt, Polizei, Gemeinde, Schule und Kirche am 23. März mit dem Problem des Fahrzeuges IZ-VB-734 im Siedlerweg beschäftigen werde.
Mit freundlichem Gruß
Der Landrat

23. März? In vier Wochen? Das muss doch schneller gehen! So kann es jedenfalls nicht weitergehen!

Karin Schlohbohm rief nun schon zum zweiten Mal zum Kaffee. Als Werner wieder nicht antwortete machte sie sich auf den Weg zu seinem Arbeitszimmer, um ihn zu holen.
„Werner Kaffee!“
„Hmm!“
Und nichts passierte, als hätte er sie nicht gehört. Helga schaut ihm über die Schulter. Werner sitzt vor dem PC und ist in einen Film vertieft. Ein junger Mann hantiert unter dem Armaturenbrett eines Autos und erklärt, was zu tun sei, um „ihn“ zum Laufen zu bringen.
„Willst du wieder mit dem Autobasteln anfangen?“ fragt Helga Schlohbohm erstaunt ihren Mann.
„Ja, vielleicht. Das hier habe ich früher auch schon mal an meinem ersten Wagen gemacht. Irre, was man im Internet alles finden kann.“
„Nun komm man erst einmal zum Kaffeetrinken.“
Heute muss etwas passieren, heute Nacht, wenn ich vom Kegeln zurückkomme, denkt Werner und gießt sich die zweite Tasse Kaffee ein.

Am nächsten Morgen klingelt es an der Tür. Die Schlohbohms sitzen noch am Frühstückstisch. Vor der Tür stehen die beiden Polizisten der Friedeberger Wache.
„Dürfen wir reinkommen?“
„Na klar!“
Gerster und Timm werden an den Frühstückstisch gebeten. Helga Schlohbohm gießt ihnen eine Tasse Kaffee ein.
„Weshalb wir hier sind, ist euch heute Nacht irgendetwas aufgefallen?“
Bevor Werner antworten kann sagt Helga schon: „Nöö, is was?“
„Der Wagen vom Heiratsschwindler ist weg.“
„Häh? Heute Nacht, als ich vom Kegeln kam, war er noch da. Da habe ich noch gedacht „wann passiert hier endlich einmal etwas mit der Karre?“
„Wir haben den Wagen heute Morgen im Friedeberger Fleet zwischen Friedeberg und der Moorkreuzung gefunden. Das Auto war offensichtlich kurzgeschlossen. Hülsen von der Citroen Werkstatt hat ihn rausgezogen und ihn dann auf seinem Platz abgestellt.“
„Und“, fragt Timm noch einmal, „nix gehört?“
„Nee“, gibt Helga zurück. „Wir schlafen ja mit Stöpseln im Ohr seit „die“ hier alle wohnen. Ist ja immer laut hier.“
„Na, ja, Werner, du hast ja schon immer gesagt, dass da mal was passiert. Und nun ha´m wir den Salat. Komm Kalle, kannst jetzt Bericht schreiben.“
Die beiden freundlichen Polizisten verließen das Schlohbohm Anwesen, Werner kehrte kopfschüttelnd zum Frühstückstisch zurück.
„Hab’s doch gewusst, dass das nicht gut geht. Gott sei Dank ist wohl niemand zu Schaden gekommen.“


                               

Zufrieden greift Schlohbohm zur Zeitung, schenkt sich entgegen aller Gewohnheit eine dritte Tasse Kaffee ein und denkt: „Ist doch optimal gelaufen. Und das mit den Laternen kriege ich auch noch hin. Zwar nicht mit Steinen aber mit Opas Kleinkalibergewehr. In der nächsten Unwetternacht gehen hier so viele Lichter aus, dass es sich lohnt, den Hubwagen zu schicken.“
Niemals hätte er bis zum heutigen Morgen geglaubt, dass man durch kriminelles Handeln so viel Befriedigung erfahren kann.

Und noch einer hatte Anlass zu großer Freude: Fred Glüsing, Leiter des Ordnungsamtes. Nachdem er es hinbekommen hatte, dass der Wagen des Heiratsschwindlers bei Hülsens Werkstatt auf dem Platz stand und nicht, wie erst von der Polizei gewünscht, auf dem Bauhof, bekam er Besuch von einem Beamten der Oberfinanzdirektion Hannover. Der Herr legte ein Schreiben seines obersten Dienstherren, dem Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland, vor, aus dem hervorging, dass er autorisiert sei, den Nachlass des Hans-Otto Schlingbier entgegenzunehmen.
Die Freude von Wolfgang Schäuble, dem Finanzminister, über diese Erbschaft dürfte nur von kurzer Dauer gewesen sein. Der Koffer aus dem Keller des Rathauses enthielt nichts, das sich zu Geld machen ließe. Das Auto hatte nur noch Schrottwert und wurde noch in Hülsens Werkstatt zur Entsorgung freigegeben. Blieben für Schäuble noch die Bestattungskosten Schlingbiers und die Reisekosten seines Beamten von Hannover nach Friedeberg und zurück. Obwohl vom Heiratsschwindler bestimmt nicht so geplant, roch sein Abgang doch ein bisschen nach Rache für die drei Jahre Freiheitsentzug in Itzehoe.

Glüsing war durch und durch zufrieden. Der Vorgang war geschlossen. Er griff zum Telefon, wählte Schlohbohms Nummer.
„Ja, Schlohbohm.“
„Glüsing hier, Ordnungsamt. Wollte nur sagen, dass wir die Geschichte mit dem Audi in den Griff bekommen haben. Hatte ja gesagt, dass wir dran sind. Regelt sich doch alles.“
„Danke, hab wohl etwas überreagiert. Ihr seid schon echt gut, Jungs. Danke. Und das mit der Laterne vor meinem Haus bekommt ihr auch noch hin. Bin ich mir ganz sicher!“

Das Telefon ruht wieder in der Station und Schlohbohm guckt zufrieden zur Arztvilla rüber, wo gestern Abend noch der Audi mit offener Tür, Beulen im Dach und ohne Radio stand.

Dienstag, 21. Februar 2017

Warum bin ich eigentlich kein Reiter geworden?



Ja, warum eigentlich nicht? Ich bin auf einem Hof mit zeitweilig sechs Pferden aufgewachsen. Ich mochte diese gutmütigen, riesigen Tiere und es störte mich nicht, wenn sie ihre Köpfe  mit manchmal leicht verschnotterten Nasen  bis fast in mein Gesicht  herabneigten. So weit, dass ich den warmen, leicht nach Futter riechenden Atem auf meiner Haut spürte. Ich mochte den Geruch vom Schweiß im Ledergeschirr und ich wäre niemals auf die Idee gekommen, die Ausdünstungen aus dem Mist  in den Pferdeboxen als Gestank zu bezeichnen. Heute noch empfinde ich heimliche Entrüstung, wenn ich jemanden sehe, der bei Pferdegeruch  mit einer Miene leichten Ekels die Nase rümpft. 
Hühner, Rindviecher und Schweine können grässlich stinken.
Nicht aber Pferde! Nein, das ist kein Gestank. Nein, wirklich nicht. Eher ein ganz speziell kreierter Duft.
Das können aber wohl nur wirkliche Pferdefreunde verstehen.






Gelegentlich durfte ich kurz vor der Mittagspause eines  unserer Pferde zum Brunnen an die Tränke führen. So, wie ich mich damals fühlte, fühlt sich heute wohl ein Kind, das erstmalig alleine auf dem Aufsitzmäher fahren darf. Vom jährlichen Ringreiten wusste ich, dass Pferde nicht nur zum Arbeiten da waren. Dann nämlich, und nur dann,  kamen die Zug- und Ackerpferde unter den Sattel -  wenn es denn einen gab. Dann  mussten sie Bauern und Knechte aufsitzen lassen. Ringreiten war eines der wenigen dörflichen Großereignisse, dem man sich nur durch Krankheit oder Altersgebrechen entziehen durfte. Für uns Kinder war am spannendsten zu sehen, wie die ungeübten Reiter es mehr oder weniger gut schafften, sich auf dem Pferderücken zu halten. Schadenfrohes Gejohle brach aus , wenn ein Reiter ins Gras vor dem Gasthof zur Linde fiel.
Es gab eigentlich nur eine Person im ganzen Dorf, die wirklich reiten konnte. Unsere Nachbarin, eine hochgewachsene stolze Frau, musste jahrelang warten, bis sie zum Ringreiten zugelassen wurde. Die Teilnahme war für Frauen nicht explizit verboten aber es stand auch nirgendwo ausdrücklich, dass es erlaubt sei. 
Als Lisa dann zum ersten Mal mitreiten durfte, lieferte sie auch gleich eine Erklärung für die langjährige, hartnäckige Weigerung der männlichen Dorfbevölkerung bis eben hin zu diesem Ringreiten. Sie sammelte mit Abstand die meisten Ringe und auf der Ehrentafel stand: „Der König 1956: Lisa Hollstein“.  Ja, König stand auf der Ehrentafel. Eine Königin war nicht vorgesehen und so kam es, dass Schleswig Holstein den ersten weiblichen König seiner jahrhundertealten Geschichte hatte.
Zu der Zeit schlüpften wir Kinder beim Fußballspielen in die Rollen von unseren Weltmeistern Heckenrath und Rahn.
Bei allen Pferdespielen wollte ein jeder Fritz Tiedemann oder Hans Günther Winkler sein. Lieber noch Thiedemann mit Meteor. Als Holsteiner aus dem nahegelegenen Elmshorn stand er uns einfach näher als Winkler aus dem fernen Warendorf, obwohl der Name seiner Stute Halla irgendwie leichter über die Zunge rutschte als Meteor.


                                          
       
Else mit ihrem letzten Fohlen
Irgendwann im Frühsommer 1956, ich war gerade sechs Jahre alt, erreichte ich den Höhepunkt meiner reiterlichen Karriere. Meine ein Jahr jüngere Schwester und ich stromerten über den Hof und durch die Stallungen. Im Kälberlaufstall war Leben, obwohl die Kälber eigentlich draußen auf der hofnahen Kälberweide waren. Im Stall fanden wir Else vor, die Holsteiner Stute, die nach Einzug des 27 PS Ritscher Treckers auf unserem Hof das einzig verbliebene Pferd war. Neugierig kam sie zu uns Kindern.
Lass uns Olympia spielen.
Und wie geht das?
Wir sind Deutschlands beste Reiter. Ich bin Fritz Thiedemann.
Und ich?,  fragte meine Schwester.
Du bist Hans Günther Winkler.
Das ist doch ein Mann.
Macht nix, ist doch nur ein Spiel.
Und welche Pferde?
Das war eine gute Frage. Im Stall war nur dieses eine Pferd.
Wir können auf den Stallbesen reiten!
Spinnst du? Thiedemann und Winkler auf einem Stallbesen? Und das bei Olympia? Das geht gar nicht. Wir nehmen Else. 


   
                          Fritz  Thiedemann                                                      Hans Günther Winkler

                                        (Jörg Petersen)                                                                  (Franziska Petersen)


Und wie kommen wir auf sie rauf?
Das war nun ein echtes Problem, das hier und jetzt von Deutschlands Reiterelite gelöst werden musste. Es gab nur eine Möglichkeit. Else musste parallel  zum Fachwerk mit den Kuhketten gelotst werden. Dorthin, wo früher noch Rinder angebunden waren. Wir kletterten also oben auf den waagerechten Balken  und hatten eine Höhe, von der aus ein Überstieg auf den Pferderücken machbar schien. Else spielte mit. Kaum, dass sie richtig stand gab ich Kommando.
Jetzt, Winkler, los rüber!
Durch Elses dicken Bauch war der Rücken ganz schön weit weg vom Balken und beinahe wäre Winkler wieder  vom Pferderücken abgerutscht, verschwunden zwischen Pferdebauch und Gebälk wie ein Alpinist in einer Gletscherspalte.
Die Mähne, Winkler, du musst an der Mähne ziehen!
Das hat dann auch geklappt.
Else hatte allerdings den Ruck an ihrer Mähne fehlgedeutet und startete ins alles entscheidende Turnier, bevor Thiedemann auch nur eine leise Chance hatte, auf ihren Rücken zu kommen. So hatte sich meine Schwester das Spiel nicht gedacht. Als Else dann vom Schritt in leichten Trab verfiel, war es um Hans Günther Winklers Fassung endgültig geschehen. Sie schrie, dass sie runter wolle und keine Lust mehr hatte zu diesem Spiel. Fritz Thiedemann arbeitet fieberhaft an einem Rettungsplan für seinen Sportskameraden. Mit einer Hand Hafer aus der Futterkiste gelang es ihm, Else zurück an den Balken zu holen. Bevor sie sich wieder weiter bewegte schwang Fritz Thiedemann sich mit so viel Schwung vom Balken auf den Pferderücken, dass er um Haaresbreite auf der anderen Seite der Stute im Mist gelandet wäre.
Aber eben nur um Haaresbreite.
Winkler hatte, eng umschlungen von seinem Mannschaftskameraden Thiedemann wieder zu der von ihm bekannten Ruhe zurückgefunden. Für Thiedemann stand einem erfolgreichen Olympiaritt jedenfalls nichts mehr im Wege.
Und nun? Fragt Winkler.
Nun geht es los.
Aus Mangel an weiteren Darstellern schlüpfte Thiedemann in seine zweite Rolle als Radioreporter.
Begrüßen Sie bitte Fritz Thiedemann und Hans Günther Winkler auf Meteor.
Wieso nicht auf Halla?
Weil die beiden nur ein Pferd haben.
Ja und, dann heißt es Halla.
Wenn wir uns jetzt nicht konzentrieren, wird nichts aus der Goldmedaille.
Obwohl Winkler das verstand, gefiel ihm nicht auf Meteor zu starten. Winkler wurde ebenfalls zum Sportredakteur.
Meine Damen und Herren, was ist denn das? Hans Günther Winkler und Fritz Thiedemann reiten erstmalig nicht auf Meteor und Halla. Ein völlig neues Pferd, das die beiden da vorführen. Soeben bekomme ich eine Nachricht. Die Stute heißt Else und kommt aus Groß Kramerfeld bei Neumünster und Segeberg.
Else lässt sich nicht anmerken, dass einige tausend Menschen ihrem Ritt zuschauen. Fehlerfrei überwindet sie im Schritt die ersten Hindernisse.
Und, wie wird dieses Pferd den Wassergraben meistern?, kam vom ersten Radioreporter.
Als Fritz Thiedemann und zunehmend auch als Jörg Petersen vom Hermannshof machte er sich Gedanken darüber, wie sich der echte Thiedemann und der echte Winkler auf diesem breiten Pferderücken mit waagerecht abstehenden Beinen überhaupt halten können.
Zeitgleich spürte Else, dass bei diesem Ritt alles auf dem Spiel stand. Gold für Deutschland. Sie legte noch einmal Tempo zu und verfiel in leichten Trab.
Die Kinderkörper hüpften bei jedem Schritt des Pferdes. Fritz Thiedemann wollte noch einmal die bevorstehende Goldmedaille als Radioreporter ankündigen. Er brach seine Moderation ab, weil die Ansage aus seinem Mund nur in zerhackten Brocken herauskam. Normalerweise hätten sich Bruder und  Schwester über diese witzige Lautfolge köstlich amüsiert. Aber es war nicht mehr die Zeit zu lachen. Es wurde für Thiedemann und Winkler immer schwieriger sich auf dem Pferderücke zu halten. Der Spaß eskalierte zu einem Höllenritt, der für die beiden Weltklassereiter in allernächster Zeit mit einem Sturz enden musste.
Hans Günther Winkler wimmerte schon und bat Fritz Thiedemann, den Ritt sofort abzubrechen. Der hätte das auch liebend gern getan. Mit Meteor, so hat er später erzählt, wäre es ihm auch gelungen. Nicht aber mit Else.
Und dann geschah ein kleines Wunder. Else ging im Schritt um dann ihre weitere Mitarbeit gänzlich einzustellen. Weit weg von der Aufstiegshilfe, weit entfernt von irgendwelchen Medaillenrängen verabschiedete sie sich aus dem olympischen Turnier, blieb einfach stehen.
Und nun, fragt Winkler.
War nix mit Gold. Wir müssen hier runter.
Wie? Das ist so hoch.
Thiedemann wusste auch nicht, was er tun sollte. Seine Beine schmerzten vom unfreiwilligen Spagat auf dem Pferderücken. Obwohl ein gutes Jahr älter als Winkler, traute auch er sich nicht vom Pferd zu rutschen. Hans Günther Winkler gingen die Nerven durch. Er begann wie in tiefster Todesangst zu schreien.
Mamaaaa! Hiiiilfeeee! Hilfeee!
Das war zu viel für Else. So hatte sie es ja auch nicht gemeint und glaubte, dass sie wieder weiter laufen sollte.
Weil das aber auch nicht im Sinne des großen Champions aus Elmshorn war, fiel der jetzt auch noch in das Hilfegeschrei von Winkler ein.
Else hat das wiederum als Aufforderung genommen, einen Zahn zuzulegen.

Deutschlands Goldjungen waren endgültig am Ende. Warum hörte bloß niemand, dass es hier inzwischen schon um viel mehr als Gold für Deutschland ging.
Hier ging es ums nackte Überleben.
Den Eindruck hatte auch die Mutter von Thiedemann und Winkler. Sie kam gerade mit zwei schweren Einkaufstaschen die Hofauffahrt hoch. Als sie das Geschrei vernahm, rauschten die Einkäufe aufs Hofpflaster und sie rannte entsetzt dem Geschrei nach.
Gott sei Dank!
Im Laufstall angekommen sah sie ihre Kinder wohlbehalten aber völlig aufgelöst auf der alten Else sitzen. Die war in Anbetracht des neuen Gastes im Stall stehen geblieben. Mutter Petersen schlüpfte durch das Balkenfachwerk und nacheinander rutschten Thiedemann und Winkler in die Arme der Mutter.
Das war Elses einzige und letzte Olympiateilnahme.
Meine übrigens auch.
Reiten war nichts für mich, jedenfalls nicht mit so kurzen Beinen.

Ziemlich geschafft von unserem Alptraumritt lagen wir abends unter unseren Bettdecken. Ich wollte gerade einschlafen, als ich vom Nachbarbett zurück in die Welt der Wachen geholt wurde.
Thiedemann?
Ja.
Mit Halla wäre das nicht passiert.
Mit Meteor auch nicht, Gute Nacht Winkler, schlaf gut!
Gute Nacht Thiedemann.

Donnerstag, 2. Februar 2017

Der Kaschmirschal



Wer mich kennt, weiß dass ich in Sachen Kleidung nicht gerade der Anspruchsvollste bin. Nicht, dass mir völlig egal ist, was ich anziehe. Nur bin ich wohl in der Wahl meiner Kleidung etwas anspruchsloser als die meisten Menschen um mich herum. Das heißt aber noch lange nicht, dass nicht auch ich meine Lieblingsstücke im Kleiderschrank oder am Garderobenhaken habe. Wenn ich also so oft im blau-weiß gestreiften Hemd zu sehen bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nichts Anderes besitze. Ich mag es einfach am liebsten.
So geht es mir auch mit meinen Schals. Ein halbes Dutzend liegt in der Kommode und doch darf mich meistens nur der eine, der gute, der weiche Schal mit der Kaschmirwolle begleiten.
„Willst du dir den nicht lieber für besondere Anlässe aufheben?“ werde ich gelegentlich mal gefragt, bevor der Schal mit mir das Haus verlässt.
Das will ich natürlich nicht. Nicht ohne Grund fällt meine Wahl meistens gerade auf diesen Schal.

Ich stehe ausgehbereit in der Tür und will zur Jahreshauptversammlung des Yachtclubs. Sie findet im „Deutschen Haus“ statt und alles deutet darauf hin, dass meine Kleidung nach der Versammlung den gleichen Geruch haben wird, wie das „Deutsche Haus“. Da werden nämlich viele Traditionen gepflegt die anderswo längst schon Geschichte sind. So wird der Duft von Fritten und Currywurst oder auch anderen Speisen durch Vermeiden von regelmäßigem Lüften noch lange über den Verzehrzeitpunkt in den Räumen konserviert. Von der Umgehung des Rauchverbotes in Gaststätten ganz zu schweigen.
Das alles wissend habe ich mir schon die Segeljacke angezogen, die dann, nach der Versammlung, im Keller auslüften kann. Bloß nicht den guten Wollmantel mitnehmen. Der nimmt nämlich die Gerüche des „Deutschen Hauses“ noch viel dankbarer an wie die synthetische Segeljacke.

„Willst du wirklich mit der Jacke los?“
„Ja, du weißt doch, wie die Klamotten riechen, wenn man im „Deutschen Haus“ war.“
„Und der gute Schal?“
„Den hänge ich raus, wenn ich zurück bin. Tschüß!“

Angenehme Überraschung im „Deutschen Haus“. Die Versammlung findet auf dem Saal statt, die Garderobe befindet sich auf dem Flur, der durch die Nähe der Ausgangstür erstaunliche neutrale Luft hat. Meine Jacke findet einen Platz auf dem Kleiderbügel. Der Saal ist rauchfrei! Erstaunlich, hätte ich nicht erwartet nach all meinen Vorerfahrungen der letzten Jahrzehnte. Die Versammlung verläuft nach traditionellem Muster, wie ich sie schon kenne unter Leitung des vorherigen Vorsitzenden und dem noch davor. Beschlüsse werden fast immer einstimmig gefasst und nach Entlastung des Vorstandes oder bei Neuaufnahmen gibt es nicht selten eine Runde Schnaps. Tumultartig wird es dann, und auch das nichts Neues, unter dem Punkt „Verschiedenes“. Hier werden Punkte abgearbeitet, die nicht mehr den Weg auf die Tagesordnung gefunden haben, weil deren Fürsprecher nie die Antragsfristen einhalten. Also nicht anders als in den vergangenen Jahren. Nach zwei Stunden verlasse ich das Lokal. Für das nach der Sitzung anstehende gemütliche Beisammensein bin ich zu müde und außerdem habe ich mein Geld zu Hause vergessen.

Ich verlasse das “Deutsche Haus“ gemeinsam mit Gerdi Henken. Frostluft löst fast schon einen Schmerz in der Lunge aus, es trifft ein eiskalter Wind auf meinen Hals.
Ich habe keinen Schal um!
Er muss noch an der Garderobe sein.
Gerdi muss alleine weitergehen. Ich kehre um. Zweimal gehe ich die Bügelreihen durch. Mein Kaschmirschal, der „Gute“, ist weg. Das ist bitter, hätte ich doch bloß einen von den minderwertigen Schals aus der Kommode genommen.
Der Hals wird kalt. Im Auto überlege ich, ob ich denn wirklich den guten Schal umgebunden hatte. Doch, wir hatten ja noch darüber gesprochen, ob es der „Gute“ sein müsse.
Es gibt doch ganz schön schlechte Menschen. Gehen an einer Garderobe vorbei, entdecken, dass der Schal mit der Kaschmirwolle sich so schön anfühlt, und schon wird ein blitzartiger Besitzerwechsel vorgenommen. Nein, woran soll man denn noch glauben? Aus dem  „Deutschen Haus“ kommt man nie ohne dessen haustypisches Aroma heraus aber bislang immer noch mit seinen Anziehsachen.
Oder hatte ich den Schal doch noch zurück gehängt?
Ich mache jetzt immer öfter mal Dinge, die ich später gar nicht mehr genau weiß.
Aber der Schal? Der war doch mit. Oder?

Zu Hause öffne ich die Stubentür und melde mich zurück.
„Wie war´s?“
„Wie immer. Mein Schal ist weg oder hast du ihn hier irgendwo gesehen?“
„Der „Gute“?“
„Ja der.“
„Den hattest du doch um, als du gingst!“
„Ja, das meinte ich eigentlich auch. Aber in der Garderobe im „Deutschen Haus“ habe ich ihn nicht mehr gefunden.“
„Schade. Habe ich dir mal zum Geburtstag geschenkt.“
Ich hänge die Jacke auf und gehe in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Auf dem Weg zur Stube glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Da liegt er, der gute Schal mit der Kaschmirwolle, auf dem Fußboden. Als hätte ihn jemand dahin geworfen. 




Noch nicht ganz in der Stube frage ich schon:
„Wo hast du ihn gefunden?“
 „Wen?“
„Den guten Schal.“
„Wieso? Ich habe nichts gefunden, saß die ganze Zeit hier. Ist er also wieder da?“
„Ja, er lag auf dem Boden im Flur, als ich aus der Küche kam.“

So schlimm ist es also doch noch nicht hier bei uns auf dem Lande.  Mit der Kriminalität meine ich.
Und was war nun mit dem Schal?
In der Garderobe hatte ich ihn jedenfalls nicht vergessen. Sonst wäre er ja nicht hier.